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Luftkrieg (V)

16. November 2010 - 22:06

Bernd hat auch geheiratet. Seine Frau hat eine Brille. Sie haben keine Kinder. Bernd will keine. Seine Frau schon. Glaube ich. Aber Bernd will keine. Ich verstehe das nicht. Ich wollte immer Kinder. Ich wollte immer Familie. Wenn der Krieg vorbei ist. Dann kommt alles in Ordnung. Kinder. Das ist doch was Schönes. Wir waren immer eine Familie. Wir waren immer alle zusammen. Wir haben zusammengehalten. Bernd ist als erster losgerannt. Manchmal habe ich ihn nicht mehr gesehen. Wo ist der Bernd? Mein Vater. Den vergesse ich immer.

Als du noch klein warst, hast du immer geschlafen. Nichts konnte dich stören. Bestimmt hast du geträumt. Es konnte noch soviel Krach sein draußen. Du hast geschlafen. Wir haben damals noch in der Kornstraße gewohnt. Da erinnerst du dich sicher nicht mehr dran. Da war es immer ziemlich laut. Aber dir war das egal. Ich habe dich sogar zum Füttern wecken müssen. Die haben alle gedacht, ich spinne. Das hat mir keiner geglaubt. Nicht einmal dein Vater. Babys haben doch Hunger. Die werden wach vor Hunger. Die schreien vor Hunger. Aber du hast nicht geschrien. Du bist nicht wach geworden. Du hattest nicht einmal Hunger. Nie wolltest du etwas essen. Ich habe gedacht, ich werde verrückt. Babys wollen doch essen. Aber du nicht. Du wolltest einfach nicht schlucken. Du hast alles seitlich aus dem Mund wieder rauslaufen lassen. Alle sind sie über mich hergefallen. Alle haben sie versucht, dich zu füttern. Die haben gedacht, ich würde etwas falsch machen. Aber keine hat es geschafft. Ich habe gedacht, du stirbst. Ich habe deinen Kopf ins Wasser fallen lassen, einmal, als ich dich gebadet habe. Du konntest ihn selbst ja noch nicht halten. Da hast du geschrien. Auf einmal. Und wie. Ich bin vielleicht erschrocken. Ich hab doch gedacht du stirbst.


Luftkrieg (IV)

09. November 2010 - 22:12

Guck dich doch mal an. Wie du wieder aussiehst. Wo kommst du überhaupt her? Immer Geheimnisse, was? Benehmen – Glücksache. Glaubst du eigentlich, irgendwer schenkt dir was im Leben. Da träumst du wohl von. So wie du immer aussiehst. Guck dich doch mal an. So wie du dich immer anstellst. Du bist wie dein Vater. Genau dieselbe blöde Visage. Brauchst gar nicht so zu grinsen. Das kannst du dir mal abgewöhnen. Du mußt dem doch nicht alles nachmachen. So toll ist der nicht. Wirklich nicht. Aber das ist wahrscheinlich nicht drin, was. Der ist ja dein Gott. Bloß nicht dran kratzen, bloß nicht. Mach doch mal die Augen auf. Guck dir den doch mal an. Ihr seid doch zu dämlich, ihr beide. Du noch zehnmal mehr. Bei dem ist sowieso nichts mehr zu retten. Meinst du, den guckt noch irgendeine an. So wie der aussieht. Ist ja ekelhaft. Hast du dir mal seine Hände angeguckt. Wenn ich nur daran denke, daß der mich damit mal angefaßt hat, dann krieg ich das Kotzen. Ihr steckt doch unter einer Decke. Du könntest noch alles lernen. Du könntest alles werden. Du könntest überall hin. Dir steht alles offen. Bräuchtest nur ein bißchen dafür zu tun. Wenn ich so jung wäre wie du. Was ich alles hätte machen können, wenn ich nicht so dumm gewesen wäre, mich auf deinen Vater einzulassen. Aber ich bin selbst schuld. Jetzt ist es zu spät. Nur du, du könntest alles haben. Aber nee, machst keinen Finger krumm. Hockst immer zu Hause. Siehst aus wie der letzte Mensch. Findest du das etwa schön? Meinst du, so will dich wer haben? Das glaubst aber auch nur du. Man muß was dafür tun. Man kriegt nichts geschenkt. Aber nein, die gnädige Frau ist sich zu schade. Du eingebildete Kuh. Dir sollen wohl alle in den Arsch kriechen, was. Das hättest du wohl gerne. Es sind nicht alle so blöd wie ich. Ich habe keine Wahl. Mir ist sowieso alles egal. Da hast du wohl nichts zu sagen, was. Fällt dir nichts zu ein. Du und dein Vater – ein Bild. Der hatte keine Familie. Der weiß überhaupt nicht, was das ist. Die waren überall. Jeder woanders. In ganz Deutschland verteilt. Die sind vor den Bomben weg. Egal, was mit der Familie wird. Hauptsache weg. Der war immer allein. Ist ganz allein rumgeirrt. Mit fünfzehn. Kein Mensch weiß, wo der sich überall rumgetrieben hat. Der hatte keine Mutter. Die hat sich nie gekümmert. Das ist keine Mutter. Das war der immer scheißegal, was mit ihren Kindern ist. Besonders dein Vater. Den wollte die doch gar nicht. Ein Mädchen wollte die haben. Aber nicht deinen Vater. Das ist keine Mutter. Das kann ich nicht begreifen. Wie die einfach alle wegschicken konnte. Ganz allein. Hauptsache weg hier. Wir waren hier. Die ganze Zeit. Wir waren wenigstens immer alle zusammen. Meine Mutter hat mich nicht im Stich gelassen. Und der? Kein Mensch weiß, was der alles erlebt hat. Deshalb ist der nämlich so. Verstehst du. Kalt wie Eis. Und ohne Gefühl. Der hat kein Gefühl. Der weiß überhaupt nicht, was das ist. Der hat nichts Menschliches. Da weißt du, wo du herkommst. Kriegst du immer noch nicht deine Zähne auseinander. Mach dein Maul auf. Das ist dein Vater. Wer weiß, wo der sich wieder rumtreibt. Andere Männer sind um die Zeit längst zu Hause. Nur dein Herr Vater arbeitet noch. Das glaubst du doch wohl selbst nicht. Das ist doch nicht normal. Das ist doch keine Familie. Andere Männer sind nicht so. Auf die kann man sich verlassen. Ich sehe es doch überall. Die sind immer alle schön zu Hause. Nur dein Vater, der macht was er will. Die Leute reden schon über uns. Die sehen das doch auch. Die denken doch wer weiß was. Und du. Mußt du immer so rumlaufen. Da muß man sich ja schämen für dich. Du bist nicht allein auf der Welt. Später kannst du machen, was du willst. Von mir aus. Wenn dir egal ist, was die Leute von dir denken. Wirst schon sehen, wie weit du damit kommst. Aber hier bist du nicht allein. Hier mußt du Rücksicht nehmen. Schon mal was von gehört? Was glaubst du eigentlich, wer du bist. Die Kaiserin von China? Du wirst dich noch umgucken. Man kann nicht machen, was man will. Laß dir das gesagt sein. Man muß sich anpassen. Hier zeigen die Leute auf mich, wenn du so rumläufst. Auf wen denn sonst. Dein Vater ist doch nie da. Und die Leute haben recht. Jeder normale Mensch denkt so. Hau doch ab. Ich kann dich nicht mehr sehen. Du bist wie dein Vater. Kriegst nie dein Maul auf. Da kann man machen, was man will. Du kotzt mich an. Da brauchst du gar nicht zu heulen. Du alte Ziege. Was willst du eigentlich hier? Geh doch zu deinem Vater, wo du hingehörst. Mach doch, was du willst. Das interessiert ja doch keinen.


Luftkrieg (III)

31. Oktober 2010 - 20:22

Du schläfst immer. Du wirst nicht einmal wach, wenn es Zeit zum Essen ist. Du wirst noch verhungern. Du wirst einfach nicht mehr wach werden irgendwann. Du wirst vergessen zu atmen im Schlaf. Dann ist alles vorbei. Was weißt du schon davon. Du bist noch nie gestorben. Du kennst den Krieg nicht. Du schreist nicht vor Hunger. Du schläfst nur. Soll ich dir den Krieg zeigen? Ja? Du wirst sehen, es ist gar nicht schwer. Im Grunde ganz einfach. Du wirst es schon verstehen. Hab keine Angst. Ich kenne den Krieg. Ich kann dir alles zeigen. Das ist das einzige, was ich wirklich weiß. Das kannst du mir glauben. Ich mache das schon. Ich werde dir alles beibringen, was du wissen mußt. Mach dir keine Sorgen. Ich erkläre dir den Krieg.

Wir sind oft umsonst gerannt. Bernd als erster. Wir hinterher. Die ganze Familie. Oft ist gar nichts gewesen. Nur der Opa wollte nicht mit. Er hat sich nie um die Sirenen gekümmert. Ihm war das egal. Er ist nicht einmal aufgestanden. Er ist einfach im Bett geblieben. Sobald die Sirenen Entwarnung gaben, sind wir wieder gerannt. Die Mutter vorneweg. Um zu sehen, ob das Haus noch steht. Einmal hat es das von gegenüber erwischt. Bei uns sind nur die letzten Scheiben rausgeflogen. Der Opa lag in seinem Bett. Mit Dreck und Glassplittern bedeckt. Aber sonst nichts weiter.

Wie soll ich dir das erklären? Als ich klein war, war Krieg. Das weißt du ja. Man konnte gar nichts tun. Alles ist einfach so passiert. Wir mußten immer rennen. Nachts. Wir mußten in den Bunker. In einen Keller. Da hinten. In der Nähe wo jetzt die Straßenbahnhaltestelle ist. Ich war klein. Fast noch so klein, wie du jetzt. Du kannst das alles nicht verstehen. Sei froh, daß kein Krieg ist. Krieg ist etwas Furchtbares. Das verstehst du nicht. Hoffentlich kommt das nie wieder. Die Oma hat zwei Kriege erlebt. Was soll ich mit dir anfangen? Was mach ich nur?


Luftkrieg (II)

27. Oktober 2010 - 15:48

Wir sind oft gerannt in der Nacht. Immer wieder die Sirenen. Bernd ist als erster los. Mit seinem Höckerchen. Manchmal habe ich ihn gar nicht mehr gesehen. Ich wollte nie wach werden. Manchmal habe ich gedacht, ich sehe ihn nie wieder. Wo ist der Bernd, hab ich immer gefragt. Auch als der Krieg schon lange vorbei war. Wo ist der Bernd? Sogar der Vogel hat das schon nachgeplappert. Wo ist der Bernd? Wo ist der Bernd? Ich muß immer wissen, wo er ist. Ich habe immer Angst, ich sehe ihn nie wieder. Aber er saß immer auf unserem Sitzplatz. Ganz klein war er. Wartete auf uns. Starrte auf den schmalen Eingang. Mit zusammengekniffenen Augen. Bis wir endlich kamen. Nach dem Krieg hat Bernd eine Brille gekriegt. Eine runde, schwere. Da haben sie ihn alle ausgelacht.

Ich habe Kinder gewollt. Ein Mädchen zuerst. Eine Tochter. Ich habe dich gewollt, aber was fang ich nur mit dir an? Was verstehst du schon. Du kannst ja noch gar nichts verstehen. Weißt du, man stirbt da. Man stirbt im Krieg. Auf jeden Fall stirbt man. Egal, was hinterher passiert. Ich hätte gern soviel gelernt. Ich war nur sieben Jahre in der Schule. Und drei Jahre zählen nicht. Bestimmt nicht. Da hatte ich nur Hunger. Oder wir haben gefroren. Oder der Lehrer hat geschlafen. Ich hätte gern noch viel gelernt. Viel gemacht. Ich wollte alles können. Ich wollte überall hin. Ich wollte alles haben. Ich wollte einen Mann. Und ich wollte Kinder. Immer schon. Ich habe vergessen, daß man stirbt. Im Krieg. Ich habe es einfach vergessen. Ich wollte dich. Aber woher hätte ich wissen sollen, daß du lebendig sein würdest. Du bist nicht im Krieg gestorben. Du bist noch nie gestorben. Du kannst das nicht verstehen. Ich weiß nicht, was ich mit dir machen soll.

Manchmal sind wir mehrmals gerannt in einer Nacht. Immer wieder Sirenen. Hin und zurück. Und hin und zurück. Und wieder hin und zurück. Immer wieder Sirenen. Immer wieder Sirenen. Ich wollte nie schlafen. Ich dachte, ich vergesse zu atmen im Schlaf. Ohne zu atmen stirbt man. Ich wollte nie schlafen.


Luftkrieg (I)

23. Oktober 2010 - 21:16

Wir haben immer ganz eng zusammengesessen. Bernd hat jede Nacht angezogen geschlafen. Um schneller zu sein. Er hat den kleinen Klapphocker genommen und ist gerannt. Mit dem ersten Ton der Sirenen. Bernd hat uns einen Platz gesichert. Jedesmal. Wir hatten immer einen Platz. Einen Sitzplatz für uns drei. Das ist wichtig. Wir mußten nie stehen. Die ganze Zeit stehen. Nachts. Die ganze Zeit immer nur stehen. Das ist das Schlimmste. Wir mußten nicht stehen. Saßen ganz eng zusammen. Die Mutter auf dem Sitzplatz. Ich bei ihr auf dem Schoß. Bernd auf dem Klapphocker vor ihren Füßen. Wir haben immer ganz eng gesessen. Wir wären alle zusammen tot gewesen.

Es ist nur, die Angst.

Man hält die Angst nicht aus.

Wir wären alle zusammen tot gewesen. Die ganze Familie. Nur, mein Vater. An den hab ich nie gedacht. Wir waren zusammen. Wir haben zusammengehalten. Bernd hat angezogen geschlafen. Bernd ist mit dem Klapphocker als erster losgerannt. Die Mutter hat auch angezogen geschlafen. Die Mutter hat die Tasche mit unseren Papieren immer umgehängt gehabt. Die Mutter hat mir beim Anziehen geholfen. Die Mutter ist mit mir zusammen gelaufen. Die Mutter hat mich getragen, wenn ich nicht schnell genug war. Meine Mutter hat mich meistens getragen. Die Mutter hat mich im Bunker auf den Schoß genommen. Die Mutter hat die Beine ordentlich nebeneinander gestellt. Bernd hatte immer eine Rückenlehne an seinem Klapphocker. Bernd hielt die Tasche mit den Papieren auf den Knien. Wir waren alle zusammen. Die ganze Familie. Nur, mein Vater.

Ich wollte Familie haben. Immer schon. Ich wollte Mann und Kinder. Wenn der Krieg vorbei ist. Dann ist alles gut. Dann kann nichts mehr passieren. Ich wollte immer Familie. Immer Kinder haben.