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Schlachtfeld (I)

28. August 2010 - 18:58

Drei Tage ist es her, erst drei Tage. Sonntag hat sie noch gelebt. Ich habe sie nicht gekannt, diese Frau, aber heute war ich da. Am Bahnhof, oben an den Gleisen. Wo sie gestorben ist. Vera sagt, daß sie da nicht mehr hingehen wird, daß sie das nicht könnte. Auch nicht wollte. Ich war da, heute, wie jeden Mittwoch. Ich fahre immer von diesem Bahnhof, dreimal die Woche. Das ist so. Ich war zu früh. Diesmal war ich zu früh. Dreimal bin ich die gesamte Länge des Gleises entlanggegangen. Langsam, hin und zurück. Es war niemand da. Seltsamerweise war niemand da. Es war auch nichts zu sehen, es war alles so wie immer. Nichts ist passiert. Gar nichts. Warum sollte ich Angst haben. Ich habe keine Angst. Ich weiß nicht, ob ich Angst hatte. Ich weiß es nicht. Es war nichts. Einfach nichts.

Ich habe Claudia zum Bahnhof gebracht. Das war nachts, vor drei Tagen. Die anderen waren schon weg. Claudia wollte unbedingt den letzten Zug kriegen. Wir waren aber zu spät. Wir sind zu spät gekommen. Ich bin drei Schritte die Treppe hoch, zu den Gleisen rauf. Ich habe auf die Uhr gesehen, oben auf dem Bahnsteig. Drei Minuten zu spät. Ich bin die Treppe wieder runter. Wir haben gelacht. Lustig fanden wir das beide nicht. Claudia mußte nach Hause, um am nächsten Tag pünktlich zu sein. Ich mußte sie fahren, danach noch den Wagen zurückbringen. Den brauchte Vera wieder. Wir haben trotzdem gelacht, obwohl uns nicht danach zumute war. Mir schon gar nicht. Ich war noch 1 1/2 Stunden unterwegs. Das war keine schöne Nacht. Ich habe schlecht geschlafen. Es hat angefangen zu regnen.

Die Frau ist jetzt tot. Ich habe sie nicht gekannt, aber sie ist seit drei Tagen tot. Es steht in der Zeitung. Ich habe es gelesen. Ein paarmal schon. Immer wieder. Ganz genau. Ein Bild ist dabei. Ein schlechtes Bild, unscharf. Ein besseres gibt es vielleicht nicht. Sie hat kurze, helle Haare und prostet mir zu. Ein halbvolles Bierglas in der Hand. Sie lacht. Im Hintergrund steht Pflanze. Sie lacht mich an, die Frau, die ich nicht gekannt habe. Ihre Augen sind dunkelgraue Flecken.


Papa schwitzt

22. August 2010 - 14:11

Es ist Sonntag morgen, ich springe auf meinem Vater herum. Der liegt im Bett und spricht nicht mehr. Er schwitzt auch.

Ich gehe zu meiner Oma und sage: Papa schwitzt.

Später stehe ich draußen vor dem Haus und sehe dem Krankenwagen hinterher. Neben mir meine Mutter, schweigt. Meine Oma sagt: Jetzt wäre dein Papa fast gestorben.

Noch später erzählt mein Vater mir, daß ich an dem Tag zum ersten Mal eine Tür nach innen hin geöffnet habe. Bevor ich dann hinüber zu meiner Oma ging, um sie zu informieren.

Vielleicht habe ich meinen Vater gerettet. An diesem Sonntag morgen.


Maschinen

14. August 2010 - 20:34


Der Krieg erreicht das Mädchen

01. Juni 2010 - 11:50

Als der Krieg vorbei war, dachten sie, sie hätten es geschafft. Das Haus, in dem sie wohnten, war verschont geblieben. Alles noch da.

Die gegenüber hatten nicht soviel Glück gehabt. Die waren ausgebombt. Noch im letzten Augenblick. Da war nicht mehr viel. Auf dieser Seite waren nur wieder mal die Fensterscheiben zersprungen, als es drüben gekracht hat. Und der Opa, der nie mit in den Bunker ging, sondern sich ins Bett legte, war über und über mit Dreck und Glassplittern bedeckt, als sie zurückkamen. Glas ließ sich nicht mehr auftreiben. Die Fenster waren seitdem mit Pappe vernagelt. Aber sonst alles noch da. Der Hunger war auch nicht so groß, denn der Mann arbeitete unter Tage. Das gab extra. Ein bißchen zumindest.

Dann war der Krieg vorbei. Und das Wasser kam. Die Katze hatte es schon am Morgen gemerkt. Wollte nicht fressen. Nicht einmal Milch klauen. Lief nur unruhig, jammernd hin und her. Dann verschwand sie. Aber sie merkten nichts. Erst als das Wasser da war, packten sie in aller Eile irgendwelche Sachen zusammen und brachten sie in das eine Zimmer oben. Das Wasser war schnell.

Sie hockten zu fünft in dem kleinen Zimmer und hofften, daß es nicht auch noch überschwemmt werden würde. Notfalls würden sie von einem Ruderboot abgeholt. Das wußten sie. Aber sie wollten nicht. Sie hielten die Stellung. Das Wasser machte tatsächlich früh genug halt. Das eine Zimmer blieb trocken. Ein paar Tage lebten sie da und wurden vom Boot aus versorgt. Das Wasser ging langsam wieder. Als es ganz weg war, spritzte der Vater mit einem Schlauch Dreck, Schlamm und tote Tiere aus den Wohnräumen. Das faule Holz der Möbel brach er mit den Händen auseinander. Der Gestank blieb lange.

Als die Tochter sah, wie ihre aufgequollenen Bücher weggeschafft wurden, brach sie zusammen. Sie stand nicht wieder auf.


David und Goliath

18. Mai 2010 - 23:34

„Du mußt das verstehen, David!“ sagte die Mutter. „Du bist doch jetzt der Mann im Haus. Du bist mein Großer.“
David verstand.

„Du mußt das so verstehen, David“, sagte die Lehrerin, „du bist größer als die anderen. Von dir muß ich einfach mehr verlangen.“
David verstand.

„Du bist schließlich der Größte hier, David“, sagte der Meister. „Also mußt du auch am meisten wegschaffen. Verstehst du?“
David verstand.

„Mein lieber, kleiner David“, sagte Lena. „Du bist für mich der Allergrößte.“
Und David fiel wie Goliath.