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skribbel

03. März 2015 - 16:56

Sieht aus wie eine Ratte der Typ, macht immer den Mund so spitz und lutscht an seinen Schneidezähnen. Dann wieder lacht er wie ein Pferd. Und wenn er am Fenster steht und raucht, dann ist er nichts. Gar nichts mehr.


Jesus von Neukölln

18. Juli 2014 - 11:08

Gegenüber ist gestern Jesus eingezogen. Lange stand er auf dem Balkon, das Smartphone fest in der Hand, und schaute hoffnungsvoll erst nach rechts, dann nach links, dann wieder nach rechts die Straße entlang. Aber niemand kam, um ihm beizustehen.

Also musste Jesus sein Nachtlager auf dem Dielenboden bereiten, was er bereitwillig tat. Dann stand er wieder auf den Balkon und hoffte, vergebens. Seine schwarzen Locken züngelten im Abendwind, auch sein Bart, der die Traurigkeit des Augenblicks ausreichend unterstrich.

Nachts stellte eine wunderschöne Frau, die ich nicht hatte kommen sehen, eine Kerze ins offene Fenster. Die Kerze brannte lange, die Fenster standen offen bis zum morgen. Nie hätte ich gedacht, dass Jesus sein einsames Lager so wundersam teilen würde, so selbstverständlich und weit.

Jetzt steht er wieder da und schaut auf die Straße hinunter. Hoffnungsvoll.


§ 5 \ Absatz 1

16. November 2013 - 15:28

Diese Tage, wie alle Tage, zwischen Himmelssturm und Erdkröte, traumlose Zeit zwischen den Nächten. Dazu die zunehmende Unvereinbarkeit von Büroexistenz und Proseminar, von Proseminar und Poetik, von Poetik und Liebe, nicht zuletzt, von Hoffnung und Warten und Schweigen. Eine alltägliche Konstellation von Unfähigkeit und Hektik breitet sich aus, unverkennbar, die alle Anstrengungen, die Offensichtlichkeit einer zerrissenen Existenz so mühselig wie qualvoll zu verbergen, zunehmend zunichte macht. Vorsichtshalber unterwerfe ich meine Aufmerksamkeit, meine Wahrnehmung einer grundsätzlichen Zensur, die verfälscht, vernichtet mitunter, die jede Erkenntnis bereits im Vorfeld verhindert. Ich richte meine Konzentration auf einfache Dinge aus. Ich schränke mich ein auf diese Art, zwangsläufig, halte mich gefangen, fest unter Verschluß. In vermeintlicher Sicherheit.

Die Erkenntnis, daß sich letztendlich alles auf Hardwareproblematiken zurückführen läßt, ist nicht leicht zu ertragen. Weil keine Erklärungen folgen, keine Anmerkungen über die tieferen Zusammenhänge, und demzufolge auch keine Möglichkeit existiert, noch irgend etwas zu ändern. Oder im nachhinein zumindest zu einer Antwort zu finden. Der Computerbildschirm, der sich mit einer feinen roten Linie, senkrecht, exakt durch die Mitte seiner ansonsten gänzlich schwarzen Mattscheibe endgültig verabschiedet hat, beschäftigt mich überraschenderweise weit mehr, als die Nächte. Meine Nächte, von denen ich nichts weiß, und alles. Denn ich lebe darin, normalerweise. Jetzt aber gibt es keine Verbindung mehr. Überhaupt gibt es nichts, außer Mietnebenkostenendabrechnungen, jedes Jahr, Gehaltsüberweisungen, jeden Monat, Kontoauszüge und Telefoneinheiten, Pincodes und andere Heimlichkeiten. So geheim, daß ich sie selbst kaum behalten kann, ihren Sinn nicht begreife. Wie den Wärmewert von Zündkerzen. Und die Anwesenheit der beiden neuen Mieterinnen in der Wohnung direkt gegenüber der meinen.

Tage, die vergehen, immer in der Hoffnung, daß ich es nicht spüre. Daß ich nicht gezwungen bin, auch noch zuzusehen, wie alles um mich herum, alles in mir, sich Stück für Stück erledigt. Tage, in denen ich wortlos bleibe. Auf der Suche nach dem richtigen Augenblick, dem Klangkörper, der ‒ schamlos, wie von selbst ‒ sich zu erklären weiß.


Gift im Blut

06. November 2013 - 15:18

Als meine Oma mir sagte, dass man stirbt, wenn man sich Gummibänder zu eng um den Finger wickelt, sie außerdem zu lange dranlässt und dann viel zu schnell wieder abmacht, war ich erstaunt.

Dennoch wollte ich es gern einmal versuchen.


Luftkrieg (V)

16. November 2010 - 22:06

Bernd hat auch geheiratet. Seine Frau hat eine Brille. Sie haben keine Kinder. Bernd will keine. Seine Frau schon. Glaube ich. Aber Bernd will keine. Ich verstehe das nicht. Ich wollte immer Kinder. Ich wollte immer Familie. Wenn der Krieg vorbei ist. Dann kommt alles in Ordnung. Kinder. Das ist doch was Schönes. Wir waren immer eine Familie. Wir waren immer alle zusammen. Wir haben zusammengehalten. Bernd ist als erster losgerannt. Manchmal habe ich ihn nicht mehr gesehen. Wo ist der Bernd? Mein Vater. Den vergesse ich immer.

Als du noch klein warst, hast du immer geschlafen. Nichts konnte dich stören. Bestimmt hast du geträumt. Es konnte noch soviel Krach sein draußen. Du hast geschlafen. Wir haben damals noch in der Kornstraße gewohnt. Da erinnerst du dich sicher nicht mehr dran. Da war es immer ziemlich laut. Aber dir war das egal. Ich habe dich sogar zum Füttern wecken müssen. Die haben alle gedacht, ich spinne. Das hat mir keiner geglaubt. Nicht einmal dein Vater. Babys haben doch Hunger. Die werden wach vor Hunger. Die schreien vor Hunger. Aber du hast nicht geschrien. Du bist nicht wach geworden. Du hattest nicht einmal Hunger. Nie wolltest du etwas essen. Ich habe gedacht, ich werde verrückt. Babys wollen doch essen. Aber du nicht. Du wolltest einfach nicht schlucken. Du hast alles seitlich aus dem Mund wieder rauslaufen lassen. Alle sind sie über mich hergefallen. Alle haben sie versucht, dich zu füttern. Die haben gedacht, ich würde etwas falsch machen. Aber keine hat es geschafft. Ich habe gedacht, du stirbst. Ich habe deinen Kopf ins Wasser fallen lassen, einmal, als ich dich gebadet habe. Du konntest ihn selbst ja noch nicht halten. Da hast du geschrien. Auf einmal. Und wie. Ich bin vielleicht erschrocken. Ich hab doch gedacht du stirbst.