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Winter 2010

02. Februar 2010 - 17:16

Wißt ihr noch, damals? Der Kältewinter zwanzigzehn?

Monatelang lag meterhoch der Schnee. Wir kämpften und fluchten, via Internet. Wochenlang saßen wir in unseren Wohnungen fest, allein vor unseren Bildschirmen. Wir froren, als die Heizungen ausfielen. Wir quälten uns, als Kaffee, Schokolade und Zigaretten knapp wurden. Wir hungerten sogar, als zuletzt die Lieferdienste schlappmachten. Dann fiel der Strom aus.

Das kann sich doch heute keiner mehr vorstellen.


Herznovelle (2)

15. Oktober 2009 - 21:19

Und sonst, fragt Drew. Wie ist es so, daheim im Reich. In der großen Stadt.
Du kannst dir nicht vorstellen, wie groß, sage ich.
Ich war schon mal da, sagt Drew. Du erinnerst dich? Das war allerdings eine einzige Schwulenparty.
Ich erinnere mich, sage ich. Du wolltest sofort hinziehen. Obwohl du kaum Deutsch sprichst. Warum bist du eigentlich noch hier?
Ich komm dich besuchen, sagt Drew. Ganz bald, was denkst du denn? Vielleicht mache ich den Laden über Weihnachten zu und stehe vor deiner Tür. Lässt du mich rein?
Klar, sage ich. Die große Schwulenparty ist aber im Sommer, soweit ich weiß.
Du kennst uns, sagt Drew. Schwulenparty ist immer. Aber das ist ja nicht so deins.
Drew war schon als Junge interessiert an mir. Seit ich ihn kenne, da war er gerade dreizehn. Über ein Jahr war er schwer verliebt in mich. Heimlich vermutlich viel länger. Ich bin seine erste große Liebe. Heute macht er Witze darüber. Besonders gern, wenn er gerade keinen Freund hat. Nie bin ich sicher, was genau er meint.
Sorry, sage ich. Not my cup of tea.
Das weiß man nie, sagt Drew.
Ich bin ein alter Mann, sage ich. Das kannst du nicht wirklich wollen.
Du hast keine Ahnung, sagt Drew. Aber du bist ein Schisser. Das warst du schon immer. Es braucht einen Kerl, um sich von einem Kerl ficken zu lassen.
Eben, sage ich.

(Fragment aus Kapitel ii, spielt in England)


Herznovelle (1)

11. September 2009 - 20:48

Draußen wird plötzlich gekläfft und geschrieen. Wenigstens drei Tölen gehen aufeinander los, dazu ihre Besitzer. So ist es hier oft.

Wie auf einem Hundekampfplatz.

(Fragment aus Kapitel i, derzeit noch in Arbeit, Stichwort: Neukölln)


Idylle

30. August 2009 - 00:27

Während ich nackt in der Wanne liege, wird nebenan Geburtstag gefeiert. So stand es heute morgen auf dem Zettel im Hausflur. Junge Leute spielen Gitarre und klopfen Bongos. Dazu leises Singen und Gläserklirren. Sehr angenehm.

Manchmal stelle ich mir mein Haus mit abgeschnittener Front vor. Sodaß man hineinsehen kann, in jeden einzelnen Raum.

Unten die türkische Familie. Sie immer mit Kopftuch, er immer in Jeans. Die Kinder schlafen, die Eltern essen. Es ist der neunte Monat, Ramadan.

Daneben die mittelalte Alte. Die, die so gern im Fenster hängt, wenn sie nicht gerade Frühschicht hat. Die, mit dem fetten Kater. Gemeinsam sitzen sie auf dem Sofa und sehen fern.

Darüber die Familie: Vater, Mutter, Kind. Der Junge schläft nicht, weil die Musik nebenan zu laut ist. Er liegt da und hört zu. Die Eltern merken nichts.

Neben mir, die Teenie-WG. Drei Zimmer, drei Menschen, fast noch Kinder. Der Flur hängt voller Poster, der Boden ist staubig, die Küche riecht ein wenig. Keiner zuhause, das muß so sein.

Ganz oben die renitente Frührentnerin. Sie schläft schon, sie merkt nichts. Sie schläft immer, so gegen zehn bereits. Das weiß jeder im Haus, der sie einmal aufgeweckt hat. Versehentlich.

Daneben der einsame Alte. Täglich müht er sich einmal bis ganz nach unten. Langsam, ganz langsam. Wenn es irgendwie geht. Holt sich sein Brot, seine Milch und die Zeitung. Das warme Essen wird gebracht, zweimal im Monat. Für die Mikrowelle.

Der Fernseher läuft, seit fast 10 Tagen. Noch hat es niemand gemerkt.


Nightlife in Neukölln

11. Juli 2009 - 19:00

Dreiundzwanzig Uhr dreiunddreißig. Neukölln ist lebendig heute Nacht. Auf der Ecke wird noch gearbeitet, Holz wird geschliffen und die Schutzfolie von der Leuchtreklame gezogen. Vielleicht macht die Bäckerei ja endlich auch mal auf. Nach nunmehr über drei Monaten Arbeitszeit. Eine kleine Gruppe Biertrinker sitzt noch draußen, unter dem Sonnenschirm, und diskutiert in gedämpftem Ton. Radfahrer radeln klappernd vorbei. Hundebesitzer pfeifen ihren Hunden nach. Oder sie brüllen sie auseinander, wenn sie kläffend aufeinander losgehen. Autos huschen vereinzelt über das Kopfsteinpflaster, immer ein bißchen zu schnell für diese Nacht. Menschen wandern quatschend durch die Straßen, ihre Stimmen kommen und gehen. Auf einem Balkon gegenüber glimmt ab und zu eine Zigarette auf. Gläserklirren. Auch ich nehme noch einen Schluck. Irgendwo ist Musik.