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§ 5 \ Absatz 1

16. November 2013 - 15:28

Diese Tage, wie alle Tage, zwischen Himmelssturm und Erdkröte, traumlose Zeit zwischen den Nächten. Dazu die zunehmende Unvereinbarkeit von Büroexistenz und Proseminar, von Proseminar und Poetik, von Poetik und Liebe, nicht zuletzt, von Hoffnung und Warten und Schweigen. Eine alltägliche Konstellation von Unfähigkeit und Hektik breitet sich aus, unverkennbar, die alle Anstrengungen, die Offensichtlichkeit einer zerrissenen Existenz so mühselig wie qualvoll zu verbergen, zunehmend zunichte macht. Vorsichtshalber unterwerfe ich meine Aufmerksamkeit, meine Wahrnehmung einer grundsätzlichen Zensur, die verfälscht, vernichtet mitunter, die jede Erkenntnis bereits im Vorfeld verhindert. Ich richte meine Konzentration auf einfache Dinge aus. Ich schränke mich ein auf diese Art, zwangsläufig, halte mich gefangen, fest unter Verschluß. In vermeintlicher Sicherheit.

Die Erkenntnis, daß sich letztendlich alles auf Hardwareproblematiken zurückführen läßt, ist nicht leicht zu ertragen. Weil keine Erklärungen folgen, keine Anmerkungen über die tieferen Zusammenhänge, und demzufolge auch keine Möglichkeit existiert, noch irgend etwas zu ändern. Oder im nachhinein zumindest zu einer Antwort zu finden. Der Computerbildschirm, der sich mit einer feinen roten Linie, senkrecht, exakt durch die Mitte seiner ansonsten gänzlich schwarzen Mattscheibe endgültig verabschiedet hat, beschäftigt mich überraschenderweise weit mehr, als die Nächte. Meine Nächte, von denen ich nichts weiß, und alles. Denn ich lebe darin, normalerweise. Jetzt aber gibt es keine Verbindung mehr. Überhaupt gibt es nichts, außer Mietnebenkostenendabrechnungen, jedes Jahr, Gehaltsüberweisungen, jeden Monat, Kontoauszüge und Telefoneinheiten, Pincodes und andere Heimlichkeiten. So geheim, daß ich sie selbst kaum behalten kann, ihren Sinn nicht begreife. Wie den Wärmewert von Zündkerzen. Und die Anwesenheit der beiden neuen Mieterinnen in der Wohnung direkt gegenüber der meinen.

Tage, die vergehen, immer in der Hoffnung, daß ich es nicht spüre. Daß ich nicht gezwungen bin, auch noch zuzusehen, wie alles um mich herum, alles in mir, sich Stück für Stück erledigt. Tage, in denen ich wortlos bleibe. Auf der Suche nach dem richtigen Augenblick, dem Klangkörper, der ‒ schamlos, wie von selbst ‒ sich zu erklären weiß.


Gift im Blut

06. November 2013 - 15:18

Als meine Oma mir sagte, dass man stirbt, wenn man sich Gummibänder zu eng um den Finger wickelt, sie außerdem zu lange dranlässt und dann viel zu schnell wieder abmacht, war ich erstaunt.

Dennoch wollte ich es gern einmal versuchen.


Luftkrieg (V)

16. November 2010 - 22:06

Bernd hat auch geheiratet. Seine Frau hat eine Brille. Sie haben keine Kinder. Bernd will keine. Seine Frau schon. Glaube ich. Aber Bernd will keine. Ich verstehe das nicht. Ich wollte immer Kinder. Ich wollte immer Familie. Wenn der Krieg vorbei ist. Dann kommt alles in Ordnung. Kinder. Das ist doch was Schönes. Wir waren immer eine Familie. Wir waren immer alle zusammen. Wir haben zusammengehalten. Bernd ist als erster losgerannt. Manchmal habe ich ihn nicht mehr gesehen. Wo ist der Bernd? Mein Vater. Den vergesse ich immer.

Als du noch klein warst, hast du immer geschlafen. Nichts konnte dich stören. Bestimmt hast du geträumt. Es konnte noch soviel Krach sein draußen. Du hast geschlafen. Wir haben damals noch in der Kornstraße gewohnt. Da erinnerst du dich sicher nicht mehr dran. Da war es immer ziemlich laut. Aber dir war das egal. Ich habe dich sogar zum Füttern wecken müssen. Die haben alle gedacht, ich spinne. Das hat mir keiner geglaubt. Nicht einmal dein Vater. Babys haben doch Hunger. Die werden wach vor Hunger. Die schreien vor Hunger. Aber du hast nicht geschrien. Du bist nicht wach geworden. Du hattest nicht einmal Hunger. Nie wolltest du etwas essen. Ich habe gedacht, ich werde verrückt. Babys wollen doch essen. Aber du nicht. Du wolltest einfach nicht schlucken. Du hast alles seitlich aus dem Mund wieder rauslaufen lassen. Alle sind sie über mich hergefallen. Alle haben sie versucht, dich zu füttern. Die haben gedacht, ich würde etwas falsch machen. Aber keine hat es geschafft. Ich habe gedacht, du stirbst. Ich habe deinen Kopf ins Wasser fallen lassen, einmal, als ich dich gebadet habe. Du konntest ihn selbst ja noch nicht halten. Da hast du geschrien. Auf einmal. Und wie. Ich bin vielleicht erschrocken. Ich hab doch gedacht du stirbst.


Luftkrieg (IV)

09. November 2010 - 22:12

Guck dich doch mal an. Wie du wieder aussiehst. Wo kommst du überhaupt her? Immer Geheimnisse, was? Benehmen – Glücksache. Glaubst du eigentlich, irgendwer schenkt dir was im Leben. Da träumst du wohl von. So wie du immer aussiehst. Guck dich doch mal an. So wie du dich immer anstellst. Du bist wie dein Vater. Genau dieselbe blöde Visage. Brauchst gar nicht so zu grinsen. Das kannst du dir mal abgewöhnen. Du mußt dem doch nicht alles nachmachen. So toll ist der nicht. Wirklich nicht. Aber das ist wahrscheinlich nicht drin, was. Der ist ja dein Gott. Bloß nicht dran kratzen, bloß nicht. Mach doch mal die Augen auf. Guck dir den doch mal an. Ihr seid doch zu dämlich, ihr beide. Du noch zehnmal mehr. Bei dem ist sowieso nichts mehr zu retten. Meinst du, den guckt noch irgendeine an. So wie der aussieht. Ist ja ekelhaft. Hast du dir mal seine Hände angeguckt. Wenn ich nur daran denke, daß der mich damit mal angefaßt hat, dann krieg ich das Kotzen. Ihr steckt doch unter einer Decke. Du könntest noch alles lernen. Du könntest alles werden. Du könntest überall hin. Dir steht alles offen. Bräuchtest nur ein bißchen dafür zu tun. Wenn ich so jung wäre wie du. Was ich alles hätte machen können, wenn ich nicht so dumm gewesen wäre, mich auf deinen Vater einzulassen. Aber ich bin selbst schuld. Jetzt ist es zu spät. Nur du, du könntest alles haben. Aber nee, machst keinen Finger krumm. Hockst immer zu Hause. Siehst aus wie der letzte Mensch. Findest du das etwa schön? Meinst du, so will dich wer haben? Das glaubst aber auch nur du. Man muß was dafür tun. Man kriegt nichts geschenkt. Aber nein, die gnädige Frau ist sich zu schade. Du eingebildete Kuh. Dir sollen wohl alle in den Arsch kriechen, was. Das hättest du wohl gerne. Es sind nicht alle so blöd wie ich. Ich habe keine Wahl. Mir ist sowieso alles egal. Da hast du wohl nichts zu sagen, was. Fällt dir nichts zu ein. Du und dein Vater – ein Bild. Der hatte keine Familie. Der weiß überhaupt nicht, was das ist. Die waren überall. Jeder woanders. In ganz Deutschland verteilt. Die sind vor den Bomben weg. Egal, was mit der Familie wird. Hauptsache weg. Der war immer allein. Ist ganz allein rumgeirrt. Mit fünfzehn. Kein Mensch weiß, wo der sich überall rumgetrieben hat. Der hatte keine Mutter. Die hat sich nie gekümmert. Das ist keine Mutter. Das war der immer scheißegal, was mit ihren Kindern ist. Besonders dein Vater. Den wollte die doch gar nicht. Ein Mädchen wollte die haben. Aber nicht deinen Vater. Das ist keine Mutter. Das kann ich nicht begreifen. Wie die einfach alle wegschicken konnte. Ganz allein. Hauptsache weg hier. Wir waren hier. Die ganze Zeit. Wir waren wenigstens immer alle zusammen. Meine Mutter hat mich nicht im Stich gelassen. Und der? Kein Mensch weiß, was der alles erlebt hat. Deshalb ist der nämlich so. Verstehst du. Kalt wie Eis. Und ohne Gefühl. Der hat kein Gefühl. Der weiß überhaupt nicht, was das ist. Der hat nichts Menschliches. Da weißt du, wo du herkommst. Kriegst du immer noch nicht deine Zähne auseinander. Mach dein Maul auf. Das ist dein Vater. Wer weiß, wo der sich wieder rumtreibt. Andere Männer sind um die Zeit längst zu Hause. Nur dein Herr Vater arbeitet noch. Das glaubst du doch wohl selbst nicht. Das ist doch nicht normal. Das ist doch keine Familie. Andere Männer sind nicht so. Auf die kann man sich verlassen. Ich sehe es doch überall. Die sind immer alle schön zu Hause. Nur dein Vater, der macht was er will. Die Leute reden schon über uns. Die sehen das doch auch. Die denken doch wer weiß was. Und du. Mußt du immer so rumlaufen. Da muß man sich ja schämen für dich. Du bist nicht allein auf der Welt. Später kannst du machen, was du willst. Von mir aus. Wenn dir egal ist, was die Leute von dir denken. Wirst schon sehen, wie weit du damit kommst. Aber hier bist du nicht allein. Hier mußt du Rücksicht nehmen. Schon mal was von gehört? Was glaubst du eigentlich, wer du bist. Die Kaiserin von China? Du wirst dich noch umgucken. Man kann nicht machen, was man will. Laß dir das gesagt sein. Man muß sich anpassen. Hier zeigen die Leute auf mich, wenn du so rumläufst. Auf wen denn sonst. Dein Vater ist doch nie da. Und die Leute haben recht. Jeder normale Mensch denkt so. Hau doch ab. Ich kann dich nicht mehr sehen. Du bist wie dein Vater. Kriegst nie dein Maul auf. Da kann man machen, was man will. Du kotzt mich an. Da brauchst du gar nicht zu heulen. Du alte Ziege. Was willst du eigentlich hier? Geh doch zu deinem Vater, wo du hingehörst. Mach doch, was du willst. Das interessiert ja doch keinen.


Luftkrieg (III)

31. Oktober 2010 - 20:22

Du schläfst immer. Du wirst nicht einmal wach, wenn es Zeit zum Essen ist. Du wirst noch verhungern. Du wirst einfach nicht mehr wach werden irgendwann. Du wirst vergessen zu atmen im Schlaf. Dann ist alles vorbei. Was weißt du schon davon. Du bist noch nie gestorben. Du kennst den Krieg nicht. Du schreist nicht vor Hunger. Du schläfst nur. Soll ich dir den Krieg zeigen? Ja? Du wirst sehen, es ist gar nicht schwer. Im Grunde ganz einfach. Du wirst es schon verstehen. Hab keine Angst. Ich kenne den Krieg. Ich kann dir alles zeigen. Das ist das einzige, was ich wirklich weiß. Das kannst du mir glauben. Ich mache das schon. Ich werde dir alles beibringen, was du wissen mußt. Mach dir keine Sorgen. Ich erkläre dir den Krieg.

Wir sind oft umsonst gerannt. Bernd als erster. Wir hinterher. Die ganze Familie. Oft ist gar nichts gewesen. Nur der Opa wollte nicht mit. Er hat sich nie um die Sirenen gekümmert. Ihm war das egal. Er ist nicht einmal aufgestanden. Er ist einfach im Bett geblieben. Sobald die Sirenen Entwarnung gaben, sind wir wieder gerannt. Die Mutter vorneweg. Um zu sehen, ob das Haus noch steht. Einmal hat es das von gegenüber erwischt. Bei uns sind nur die letzten Scheiben rausgeflogen. Der Opa lag in seinem Bett. Mit Dreck und Glassplittern bedeckt. Aber sonst nichts weiter.

Wie soll ich dir das erklären? Als ich klein war, war Krieg. Das weißt du ja. Man konnte gar nichts tun. Alles ist einfach so passiert. Wir mußten immer rennen. Nachts. Wir mußten in den Bunker. In einen Keller. Da hinten. In der Nähe wo jetzt die Straßenbahnhaltestelle ist. Ich war klein. Fast noch so klein, wie du jetzt. Du kannst das alles nicht verstehen. Sei froh, daß kein Krieg ist. Krieg ist etwas Furchtbares. Das verstehst du nicht. Hoffentlich kommt das nie wieder. Die Oma hat zwei Kriege erlebt. Was soll ich mit dir anfangen? Was mach ich nur?