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archiv: erzählt

Schlachtfeld (II)

05. September 2010 - 20:36

Unten, auf der Seite ist das Foto von einem Schraubenzieher. Ein gutes Foto. Es zeigt die Originalgröße. Ich habe es nachgemessen, 10cm lang ist der Plastikgriff. Rot. 12,6cm lang ist das Metallstück. Chrom-Vanadium steht drauf. Der Griff ist durchsichtig. Man kann sehen, wie tief das Metall darin eingefaßt ist. Sogar auf dem Zeitungsfoto. Ich habe auch so einen Schraubenzieher. Ähnlich jedenfalls, meiner ist größer. Das Metall ist 13,8cm lang, ich habe nachgemessen. Die Griffe sind gleich lang, nur meiner ist blau. Und nicht durchsichtig.

Die Polizei geht von Haus zu Haus, in der Gegend um den Bahnhof herum. Zu mir kommen sie nicht, ich wohne zu weit weg. Aber bei Vera waren sie schon. Sie suchen nach Hinweisen, Anhaltspunkten, fragen nach Beobachtungen. Nach dem Schraubenzieher. Rotes Plastik, durchsichtig, 10cm der Griff. Chrom-Vanadium. Vera hatte dazu nichts zu sagen. Ich habe einen ähnlichen Schraubenzieher. Meiner ist blau. Wenn sie kommen und mich fragen, was soll ich sagen. Ich war nicht da. Wir sind zu spät gekommen. Der Zug war schon weg. Ich bin die Treppe raufgegangen, habe auf die Uhr gesehen. Das ist alles. Aber sie fragen mich ja nicht. Ich wohne zu weit.

Achtundzwanzig war sie, drei Jahre älter als ich. Sie hat sich gewehrt, steht in der Zeitung. Doch der Mann hatte den Schraubenzieher. Ich habe auch einen. Ein Schraubenzieher ist eine furchtbare Waffe. 17 Mal zugeschlagen. Zugestochen. Mit dem Schraubenzieher. Ein Schraubenzieher ist stumpf, nicht wie ein Messer. Es ist schwer damit zuzustechen. Durch die Kleidung hindurch, in den Körper. Die Klinge dringt durch den Stoff, in die Haut, ins Gewebe, trifft auf Knochen.

Schlachtfeld (I)

28. August 2010 - 18:58

Drei Tage ist es her, erst drei Tage. Sonntag hat sie noch gelebt. Ich habe sie nicht gekannt, diese Frau, aber heute war ich da. Am Bahnhof, oben an den Gleisen. Wo sie gestorben ist. Vera sagt, daß sie da nicht mehr hingehen wird, daß sie das nicht könnte. Auch nicht wollte. Ich war da, heute, wie jeden Mittwoch. Ich fahre immer von diesem Bahnhof, dreimal die Woche. Das ist so. Ich war zu früh. Diesmal war ich zu früh. Dreimal bin ich die gesamte Länge des Gleises entlanggegangen. Langsam, hin und zurück. Es war niemand da. Seltsamerweise war niemand da. Es war auch nichts zu sehen, es war alles so wie immer. Nichts ist passiert. Gar nichts. Warum sollte ich Angst haben. Ich habe keine Angst. Ich weiß nicht, ob ich Angst hatte. Ich weiß es nicht. Es war nichts. Einfach nichts.

Ich habe Claudia zum Bahnhof gebracht. Das war nachts, vor drei Tagen. Die anderen waren schon weg. Claudia wollte unbedingt den letzten Zug kriegen. Wir waren aber zu spät. Wir sind zu spät gekommen. Ich bin drei Schritte die Treppe hoch, zu den Gleisen rauf. Ich habe auf die Uhr gesehen, oben auf dem Bahnsteig. Drei Minuten zu spät. Ich bin die Treppe wieder runter. Wir haben gelacht. Lustig fanden wir das beide nicht. Claudia mußte nach Hause, um am nächsten Tag pünktlich zu sein. Ich mußte sie fahren, danach noch den Wagen zurückbringen. Den brauchte Vera wieder. Wir haben trotzdem gelacht, obwohl uns nicht danach zumute war. Mir schon gar nicht. Ich war noch 1 1/2 Stunden unterwegs. Das war keine schöne Nacht. Ich habe schlecht geschlafen. Es hat angefangen zu regnen.

Die Frau ist jetzt tot. Ich habe sie nicht gekannt, aber sie ist seit drei Tagen tot. Es steht in der Zeitung. Ich habe es gelesen. Ein paarmal schon. Immer wieder. Ganz genau. Ein Bild ist dabei. Ein schlechtes Bild, unscharf. Ein besseres gibt es vielleicht nicht. Sie hat kurze, helle Haare und prostet mir zu. Ein halbvolles Bierglas in der Hand. Sie lacht. Im Hintergrund steht Pflanze. Sie lacht mich an, die Frau, die ich nicht gekannt habe. Ihre Augen sind dunkelgraue Flecken.

Der Krieg erreicht das Mädchen

01. Juni 2010 - 11:50

Als der Krieg vorbei war, dachten sie, sie hätten es geschafft. Das Haus, in dem sie wohnten, war verschont geblieben. Alles noch da.

Die gegenüber hatten nicht soviel Glück gehabt. Die waren ausgebombt. Noch im letzten Augenblick. Da war nicht mehr viel. Auf dieser Seite waren nur wieder mal die Fensterscheiben zersprungen, als es drüben gekracht hat. Und der Opa, der nie mit in den Bunker ging, sondern sich ins Bett legte, war über und über mit Dreck und Glassplittern bedeckt, als sie zurückkamen. Glas ließ sich nicht mehr auftreiben. Die Fenster waren seitdem mit Pappe vernagelt. Aber sonst alles noch da. Der Hunger war auch nicht so groß, denn der Mann arbeitete unter Tage. Das gab extra. Ein bißchen zumindest.

Dann war der Krieg vorbei. Und das Wasser kam. Die Katze hatte es schon am Morgen gemerkt. Wollte nicht fressen. Nicht einmal Milch klauen. Lief nur unruhig, jammernd hin und her. Dann verschwand sie. Aber sie merkten nichts. Erst als das Wasser da war, packten sie in aller Eile irgendwelche Sachen zusammen und brachten sie in das eine Zimmer oben. Das Wasser war schnell.

Sie hockten zu fünft in dem kleinen Zimmer und hofften, daß es nicht auch noch überschwemmt werden würde. Notfalls würden sie von einem Ruderboot abgeholt. Das wußten sie. Aber sie wollten nicht. Sie hielten die Stellung. Das Wasser machte tatsächlich früh genug halt. Das eine Zimmer blieb trocken. Ein paar Tage lebten sie da und wurden vom Boot aus versorgt. Das Wasser ging langsam wieder. Als es ganz weg war, spritzte der Vater mit einem Schlauch Dreck, Schlamm und tote Tiere aus den Wohnräumen. Das faule Holz der Möbel brach er mit den Händen auseinander. Der Gestank blieb lange.

Als die Tochter sah, wie ihre aufgequollenen Bücher weggeschafft wurden, brach sie zusammen. Sie stand nicht wieder auf.

Das Schweigen

08. Mai 2010 - 19:28

Es regnet. Nichts besonderes. Seit drei Tagen regnet es. Lisa ist zwölf. Sie schlägt ihr Tagebuch auf. Schreibt das Datum. Schreibt das Wort: niemehrsagicheinwort. Schlägt das Tagebuch wieder zu.

Am nächsten Tag wundern sich die Mitschüler über das Schweigen. Die Lehrer merken nichts. Die Mutter schüttelt den Kopf. Als der Vater abends nach Hause kommt, liegt Lisa schon im Bett.

Ein paar Tage später bemerken die Lehrer das Schweigen und reden auf sie ein. Lisa denkt nur das Wort: niemehrsagicheinwort. Und schweigt.

Nach drei Wochen benachrichtigen die Lehrer die Eltern. Zitieren sie zu einem Gespräch in die Schule. Die Mutter ist erschrocken. Sie packt Lisa an den Schultern, schreit und schüttelt sie dabei. Lisa starrt durch ihre Mutter durch und denkt das Wort: niemehrsagicheinwort. Und schweigt.

Abends kommt der Vater zu ihr ans Bett und versucht, mit ihr zu sprechen. Zwei Stunden sitzt er da. Lisa sieht ihn an. Ihre Augen schwimmen in Tränen. Sie denkt das Wort: niemehrsagicheinwort. Und schweigt.

Die Eltern gehen zu dem Gespräch in die Schule. Sie wissen nicht, was sie sagen sollen. Der Vater ist hilflos. Die Mutter schämt sich. Lisa sitzt dabei und denkt das Wort. Am Ende schweigen alle.

Drei Monate später kommt der Vater zu ihr ans Bett. Ohne Worte legt er sie übers Knie und schlägt auf sei ein. Lisa schreit und weint. Aber sie sagt kein Wort.

Herznovelle (2)

15. Oktober 2009 - 21:19

Und sonst, fragt Drew. Wie ist es so, daheim im Reich. In der großen Stadt.
Du kannst dir nicht vorstellen, wie groß, sage ich.
Ich war schon mal da, sagt Drew. Du erinnerst dich? Das war allerdings eine einzige Schwulenparty.
Ich erinnere mich, sage ich. Du wolltest sofort hinziehen. Obwohl du kaum Deutsch sprichst. Warum bist du eigentlich noch hier?
Ich komm dich besuchen, sagt Drew. Ganz bald, was denkst du denn? Vielleicht mache ich den Laden über Weihnachten zu und stehe vor deiner Tür. Lässt du mich rein?
Klar, sage ich. Die große Schwulenparty ist aber im Sommer, soweit ich weiß.
Du kennst uns, sagt Drew. Schwulenparty ist immer. Aber das ist ja nicht so deins.
Drew war schon als Junge interessiert an mir. Seit ich ihn kenne, da war er gerade dreizehn. Über ein Jahr war er schwer verliebt in mich. Heimlich vermutlich viel länger. Ich bin seine erste große Liebe. Heute macht er Witze darüber. Besonders gern, wenn er gerade keinen Freund hat. Nie bin ich sicher, was genau er meint.
Sorry, sage ich. Not my cup of tea.
Das weiß man nie, sagt Drew.
Ich bin ein alter Mann, sage ich. Das kannst du nicht wirklich wollen.
Du hast keine Ahnung, sagt Drew. Aber du bist ein Schisser. Das warst du schon immer. Es braucht einen Kerl, um sich von einem Kerl ficken zu lassen.
Eben, sage ich.

(Fragment aus Kapitel ii, spielt in England)