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archiv: MEMORY

Zero

13. Juni 2008 - 00:13

[§ 4 \ Absatz 13]

Der Körper dreht der Macht den Rücken zu, unwissend, daß er damit seine schwächste Seite offenbart. Scheinbar ist er nur darum bemüht, Raum zu schaffen, Platz zu machen für die gewaltige Präsenz alles anderen, was es auch sein mag.

Nur nicht im Weg stehen, nur das nicht. Die konsequente Umsetzung dieses einen, gerade noch faßbaren Gedankens, scheint auf den ersten Blick eine Notwendigkeit, ein rein taktisches Bestreben zu sein. Dennoch steigert sich im Anschluß an das zumeist unzulänglich durchgeführte Ausweichmanöver das Zittern und Flattern, tief innen, augenblicklich ins Unermeßliche. Das ist Angst.

So ist das. Eines frißt das andere, und durch jede noch so geringfügige, mitunter kaum merkliche Veränderung der Körperhaltung aller oder auch nur einer der Beteiligten ändern sich die Grundvoraussetzungen. Immer. Das ist fundamental. Das muß man wissen.

Die Angst, die Macht. Im Nacken tritt sie ein, das ist ihre liebste Stelle. Langsam, unendlich langsam. Schmerzhaft, Wirbel für Wirbel. Abwärts. Das ist der beste Weg.

Durch das Rückgrat, das Zentrum des Lebens. Von oben nach unten erfolgt die Vernichtung, immer und immer wieder. Von oben bis ganz nach unten fällt die Eigendynamik. Vitalität und Schaffenskraft sammeln sich in längst erstarrten Minusbereichen. Furcht staut sich mächtig an. Wut friert fest, markiert ungeahnte Tiefpunkte des Innenlebens. Bis weit unter Null reicht der Absturz. Immer wieder, bis ins Nichts.

Es ist ein Fehler sich abzuwenden, wenn es anfängt gefährlich auszusehen. Doch der Körper ist Angst. Ist Atemnot und Zwerchfellbeben, weiter nichts. Er bricht im ersten Augenblick.

Jetzt. Und jedesmal aufs neue.

zuerst erschienen bei mindestens haltbar

Norm

17. März 2008 - 12:20

[§ 1 \ Absatz 9]

Das Kind wird wieder einmal in den engen Raum gesperrt. Es schreit und brüllt empört gegen die Dunkelheit an. Gegen die verschlossene Tür, die dumpfe Angst vor dem Alleinsein, vielleicht, das reale Wissen um die Einsamkeit, bestimmt. Die Mutter dagegen tanzt den Tanz der Überlegenheit, ein uraltes Ritual, im Licht der Sonne, unbemerkt. Ganz allein dreht sie sich im Kreis, um der Enge zu entfliehen. So wird die Mutter frei, für einen Augenblick ganz frei. Von der tiefen Einsamkeit, vielleicht, von dem tatsächlichen Wissen um die Zerstörung, bestimmt. Eine falsche, kleine Sekunde lang.

Das Kind aber wird immer stiller, bis es völlig verstummt, nur noch demütig schweigend auf Entlassung, auf Erlösung hofft und bangt, den befreienden Spießrutenweg mehr als bereit ist zu gehen. Längst ist alle Wut verloren und nur die vage Erkenntnis gewonnen, daß unter fremden Großmachtsgelüsten, über alle Gewißheiten hinweg, gegen Angst und Einsamkeit allein die Verwirrung regiert.

So gewinnt die Mutter die Herrschaft, die Gefühlsgewalt im Hoheitsgebiet des Kindes mit der Leichtigkeit der Verachtung.

§ 3 \ Absatz 16

22. Mai 2006 - 17:41

Ich weiß nicht, ob ich dich lieber berühren will, sekunden-, stunden-, tagelang nur deine Haut und nichts anderes spüren oder ein Gedicht schreiben, statt dessen, ein paar einfache Worte begreifen.

Welches von beidem kann von Dauer sein, von Bedeutung, für dich oder für mich, und macht es irgendeinen Sinn zu verzichten, auf das eine oder das andere, auf dich oder auf mich. Nicht ohne und erst recht nicht mit dir, keinen Schritt weiter ohne mich selbst, ohne wenigstens ein Wort dafür zu finden, um nicht irgendwann beides einfach vergessen zu haben. Und letztendlich dann doch immer nur ich, allein, mit ein paar wohldurchdachten Formulierungen.

Bewaffnet.

§ 3 \ Absatz 15

03. April 2006 - 22:01

Ob die Geste mit ihrem Inhalt verbunden ist oder nicht, läßt sich niemals mit Sicherheit sagen. Ebenso ist es mit den Worten, die ihre Bedeutung verlieren können, ihren Sinn und jeden Zusammenhang, wenn sie zu lange verschwiegen werden.
Berührungspunkte zwischen Gesten und Worten und der jeweiligen Bedeutung, zwischen Nacht und Tag, zwischen Menschen und ihren Göttern sind grundsätzlich flüchtig und lassen sich weder halten noch widerrufen.
Oder gar beweisen.