home




archiv: November 2005

La Machina

23. November 2005 - 17:51

Manches findet sich erst im nachhinein zusammen, das liegt in der Natur der Dinge. Anderes findet sich nie, und letztendlich kann niemand sagen, was nun die bessere Lösung sein möchte.

Der Mann zum Beispiel, der kürzlich an seinem Arbeitsplatz zu Tode kam. Auf recht unkonventionelle Weise noch dazu, so muß man es leider sagen. Unästhetisch, um genau zu sein. Dieser Mann ist sich sozusagen selbst zuvor gekommen. Denn seit Tagen schon war es ihm bekannt. Es kroch ihm im Hirn herum, saß ihm im Nacken und der Magen schließlich, der Magen hielt die Sache gar nicht gut aus. Obwohl der Magen an sich nicht das Problem war. Der Magen war ebenso in Ordnung wie auch das Hirn, rein physisch betrachtet. Es handelte sich vielmehr um das Herz, das nicht mehr mitspielten würde. Bald schon. Das war absehbar und inoperabel. Es war angeboren.

Und der Mann wußte Bescheid, seit ein paar Tagen erst.

Er sagte aber nichts, zu niemandem. Frau und Kind wunderten sich nur wenig über seine Verschlossenheit, das war offensichtlich an der Tagesordnung. Auch die Kollegen in der Werkstatt hielten sich zurück. Vermutlich merkten sie tatsächlich nichts. Lediglich die Gattin verlor am zweiten Wochenende das eine oder andere Wort. Sie wagte es sogar, deutliche Fragen zu stellen. Bis sich der Mann jede weitere Anspielung verbat. Von da an herrschte wieder Ruhe, und die Dinge gingen ihren Weg.

Drei Tage später gab es einen Unfall im Betrieb. Und ausgerechnet unser Mann fand nun dabei einen schnellen, wenn auch etwas unappetitlichen Tod. Es hatte mit Strom zu tun, weiter soll an dieser Stelle nicht darauf eingegangen werden. Eine Maschine war defekt, seit Tagen bereits, wie sich im nachhinein herausstellte. Das war ein Trost für die Angehörigen, die schon gedacht hatten, daß es sich um einen schrecklichen Entschluß des Verstorbenen gehandelt haben könnte. Wenn ihnen auch nicht klar war, was der Grund dafür gewesen mochte. Aber da war etwas gewesen, ganz besonders in seinen letzten Tagen. Darüber waren sich eine Weile lang alle einig.

Der fatale Defekt ließ sich jedoch in den nachfolgenden Untersuchungen eindeutig beweisen. Es handelte sich um höhere Gewalt. Ein schrecklicher Unfall also. Es hätte jeden Treffen können, so stand es in dem abschließenden Gutachten. Es war unausweichlich.

Und das ist wirklich keine gute Geschichte, ich weiß. Es gibt keinen Plot, so sehr ich mich auch bemühe. Ich wollte es auch nur erwähnt haben. Mehr nicht.

Bahnhof Basel Bad

09. November 2005 - 21:36

Ganz frühes Frühjahr, eigentlich noch Winter. Vor Ostern, wenn ich mich recht erinnere. Es ist der Tag, den ich heimlich meinen Geburtstag nenne. Schwer zu sagen, wie es dazu gekommen ist. Immerhin bin ich zu der Zeit schon fast dreizehn. Also eigentlich erst zwölf. Es fehlen noch ein paar Monate, zwei oder drei vielleicht. Bis zu meinem tatsächlichen Geburtstag. Die dreizehn aber interessiert mich nicht mehr. Ich will sie vermeiden, mit aller Gewalt. Ich bin fest entschlossen.

Was mich dann an diesem Tag, allein, ausgerechnet am Bahnhof Basel Bad zu einer Überlebenden macht, ist bis heute ungeklärt. Weil der Zug Verspätung hat, verpasse ich den Anschluß nach Zürich. Weil ich dort aber erwartet werde, muß ich anrufen, muß Bescheid geben. Dabei rede ich nicht gern mit Menschen, schon gar nicht am Telefon. Ich beobachte lieber die Lage, ich halte mich im Hintergrund. Ich selbst will gar nicht erst gesehen werden. Ich unterschreite die Wahrnehmungsgrenze. Das ist mein Schicksal, meine Kraft.

Dazu paßt einfach kein Telefon, schon gar kein öffentliches.

Doch ich muß anrufen, ich muß Bescheid sagen. Ich wähle die Nummer, die man mir auf einen Zettel geschrieben hat. Ich sehe um mich, ob man mich etwa sehen kann. Ich warte auf das Freizeichen. Ob man es hören kann, überall, im ganzen Bahnhof womöglich. Es dauert, eine Ewigkeit.

Die Stimme schließlich spricht englisch. Ich schweige. Das ist der Moment, das ist die Entscheidung. Jetzt könnte es vorbei sein, so wie ich mir das gedacht habe. Jetzt und für immer. Kein Wort mehr über meine Lippen, schon gar nicht in einer fremden Sprache. Nie wieder. Und auch keine dreizehn, auf gar keinen Fall.

Ich schweige mich zu Tode.

Aber nein, ich höre mich antworten. Es dauert keine drei Sekunden, und es ist ganz leicht. Das Leben, ich bin fortan geboren. Unabsichtlich zwar.

Doch von jetzt an werde ich alt.

Ein I für ein O

04. November 2005 - 21:46

Es ist schon eine ganze Weile her, ein paar Jahre bestimmt, da ist irgend etwas im Familienrecht oder was weiß ich wo geändert worden. Jedenfalls ist es seither so, daß man als Frau, wenn man heiratet, nicht mehr zwingend den Namen des angetrauten Mannes annehmen muß. Und sich darüber hinaus auch nicht mit einem der dieser lächerlichen Doppelnamen belastet, wenn man das Eigene zu wahren bedacht ist. Sogar Männer sind endlich fein raus, und müssen sich der leidlichen Diskussion, ob sie etwa gewillt wären, eventuell ihren ureigenen Namen aufzugeben, gar nicht erst stellen. Nein, es ist nunmehr möglich, daß Mann und Frau ihre jeweiligen Namen schlicht und einfach behalten. Eine wahrhaft großartige feministische Errungenschaft, finde ich. Ganz ehrlich, das war der Kampf doch wert. Oder?

Ich erinnere mich an eines der ersten Ehepaare in meinem Berufsumfeld, die sich seinerzeit nach der neuen Regelung trauten. Anschießend suchten sie eine Wohnung. Nicht etwa die erste gemeinsame, das nun doch nicht. In den 50ern oder 60ern hätte so etwas zu Problemen geführt, wenn es nicht gänzlich unmöglich gewesen wäre. Doch das ist ja nun wirklich schon lange vorbei. Aber eine größere Wohnung sollte es eben doch sein, da bereits Nachwuchs wuchs. So sah ich der Kollegin also über die Schulter, wie sie ihre Emails bezüglich der Wohnungssuche schrieb oder ich lauschte ihren Telefonaten. „Ich bin Frau Meier“, sagte sie dann immer. „Ich komme mit dem Herrn Müller, wir sind verheiratet.“ Anschließend folgte jeweils eine kurze oder auch längere Klärung der Gesetzeslage.

Früher war das alles anders, viel einfacher. Da gab es keine großen Diskussionen, kein Hin und Her, keine innerfamiliären Streitigkeiten aufgrund von ein paar lächerlichen Buchstaben. Also wirklich, als ob das so wichtig wäre. Früher, da ist der Mann am Tag nach der Hochzeit losgegangen und hat seiner frisch angetrauten Gattin frische Papiere besorgt. Oder so ähnlich. Das macht doch nichts, das ist doch ganz einfach. Ich weiß noch genau, wie ein entfernter – sag ich jetzt einfach mal – Verwandter von mir dabei ganze Arbeit geleistet hat, das muß in den frühen 60ern gewesen sein. Übereifrig, oder womöglich noch besoffen, hat er nicht nur den Nachnamen ändern lassen, sondern gleich auch den Vornamen, nun ja, sagen wir zumindest ein wenig moduliert. So wurde aus seiner Margot nach der Eheschließung plötzlich eine Margit.

Diese Ehe ist nicht gutgegangen, muß ich im nachhinein festhalten. Also vielleicht ist es doch gar nicht so schlecht mit den neuen Namensregelungen.