Teufel & Co
25. Dezember 2005 - 17:49Nach einem Jahr in der neuen Wohnung unter der Badewanne eine leere Flasche Shampoo finden, die garantiert nicht mir gehört. Na also, der Buddha wohnt im Detail. Es gibt ein Leben nach dem Tod.
Nach einem Jahr in der neuen Wohnung unter der Badewanne eine leere Flasche Shampoo finden, die garantiert nicht mir gehört. Na also, der Buddha wohnt im Detail. Es gibt ein Leben nach dem Tod.
Ein Imco sieht aus wie Blechspielzeug, und es klingt auch genau so. Kein Vergleich zum Zippo also, das in vielen amerikanischen Filmen zum Einsatz kommt. (Zumindest als in amerikanischen Filmen noch geraucht werden durfte.) Cool in der Handhabung, satt und doch fein zugleich, der Sound. Das macht schon was her. Zumindest, wenn es nicht tätowiert ist, mit blöden Motorrädern oder Adlerschwingen verschandelt. Dann geht auch ein Zippo, wenn es unbedingt sein muß.
Ganz anders das klassische Imco. Tatsächlich aus Blech gebogen, ist es mehr oder weniger ein Pfennigartikel, zum Wegwerfen leicht und irgendwie schnippisch im Klang. Es würde nichts hermachen, das Ding, nicht im geringsten. Wenn da nicht diese ausgeklügelte Mechanik wäre. Mit dem Öffnen des Deckels wird gleichzeitig das Rad über den Feuerstein gedreht. Damit brennt augenblicklich die Flamme. Immer. Nicht so wie beim Zippo, das häufig zwei oder sogar drei Anläufe benötigt. Mit dem Ring läßt sich darüber hinaus die Flamme regulieren, ohne umständlich die Dochtlänge verändern zu müssen. Etwas, das ein Zippo überhaupt nicht aufzuweisen hat.
Diese Einfachheit, diese unglaubliche Schönheit. Auch wenn es manchmal im Ansatz hakt, besonders wenn der Feuerstein fast am Ende ist. Auch wenn der Ring mitunter rutscht. Das kann man richten, alles. Das Ding ist aus Blech, man biegt und drückt es zwischen Daumen und Zeigefinger.
Mein Opa, damals, hatte drei Imcos. Eines davon mit seitlicher Flamme, extra für Pfeifen gemacht. Regelmäßig hat er sie gewartet, geputzt und gefüllt, seine Benziner. Auch als es längst Gasfeuerzeuge gab. Dieser Geruch. Das Benzin, damals, war in klare, schwungvoll geformte Plastikflaschen gefüllt. Ein Gestank, wenn ich ehrlich bin. Zippo-Benzin, heute, riecht ganz und gar anders. Es riecht sozusagen gar nicht mehr. Selbst billiges Feuerzeugbenzin, heute, in namenlose Blechbüchsen gefüllt, kommt an diesen Geruch nicht heran. Den ich geliebt habe, wie meinen Opa. So gerne habe ich zugesehen, damals, wie ich die Watte mit der klaren Flüssigkeit vollsaugt. (Auch wenn meine Mutter, wenn sie zufällig danebenstand, Feuer rief und Gefahr.) Wie dieser winzige, längliche Feuerstein gewechselt wird. So klein, daß ich ihn greifen mußte, durfte, mit meinen kleinen Fingern, um ihn geduldig an die richtige Stelle zu bugsieren.
Es ist zu schade, wirklich. Vielleicht sollte ich endlich mit dem Rauchen anfangen im nächsten Jahr. Das wäre doch mal ein richtig guter Vorsatz.
Die Liebe ist ein eigenartiges Spiel. Es besteht aus Unwissenheit und Warten, meistens jedenfalls. Aus guten Vorsätzen noch und hohen Erwartungen auch. Immer wieder finde ich mich letztendlich unversehens auf einem leeren Spielfeld. Sauber ausgefegt die Ecken, keine Spuren mehr und keine Zeichen. Aber auch kein Erwachen.
Jahre ist es her, da gingen wir zusammen über die Hohenzollernbrücke, nachts, und sprachen über Heidelberg und das Meer. Wer hätte das ahnen können? Daß wir es nicht schaffen würden, nicht einmal bis ans Meer. Nicht ein einziges Mal. Geschweige denn mehr als das. Nur ein Augenblick, vielleicht. Weißt du noch? Aber auch das sind nun schon wieder Jahre.
Trotzdem. Heute erst nehme ich die Bilder von der Wand, die Postkarten und Briefschnipsel. Ich lösche die Daten und Ziffern, öffne und schließe die Kiste, ein allerletztes Mal. Das zumindest sollst du wissen, wenn auch sonst nichts. Nicht mehr. Ich schiebe sie unten ins Regal. Da bleibt sie dann, eine Weile noch. Trotzdem.
Surreal waren sie, die kleinen Holzfiguren, mit denen ich als Kind gespielt habe. Bei meiner Oma, immer nur da, in dem alten Bergmannshaus hoch im Norden von Essen. Zu Hause gab es anderes, dumme Puppen und heiße Reifen.
Reduziert wie die ‚Männchen’ beim Mensch-ärgere-Dich-nicht waren diese Figuren, aber nicht gedrechselt, sondern ausgesägt. Silhouetten von Kühen, Schafen und Hunden. Bäume und Büsche. Auf der Stelle stehende Männer mit Hut, eilig laufende Frauen. Jede Figur in nur einer Farbe.
Am liebsten waren mit die beiden Sitzenden, einer blau und einer grün, und die dazugehörige Bank.
Das sind die Invaliden, sagt meine Oma. Die haben Zeit, die können einfach rumsitzen.
Was sind Invaliden, frage ich.
Invaliden sind Rentner, sagt meine Oma.
Bergmannsfrauenlogik.
1. Mann: (freudig)
Guck mal da.
2. Mann: (gelangweilt)
Was?
1. Mann: (begeistert)
Na, da geht doch die Sonne auf, Mensch!
2. Mann: (verächtlich)
Und?
1. Mann: (enttäuscht)
Ich mein ja nur.
2. Mann: (warnend)
Komm mir bloß nicht so.
1. Mann:
(verblüfftes Schweigen, zwei Sekunden)
2. Mann: (laut)
Brauchst du gar nicht so zu gucken!
1. Mann:
(längeres verblüfftes Schweigen, mehrere Sekunden)
2. Mann: (lauter)
Das weißt du genau!.
1. Mann: (verunsichert)
Was ist denn?
2. Mann: (wieder leiser, aber weiterhin bedrohlich)
Das ist meine!
2. Mann: (verwirrt)
Was denn?
1. Mann: (grinsend)
Sonne! Also verpiß dich!