Pellkartoffeln
28. Januar 2006 - 22:23Meine Oma schält die Kartoffeln so, daß nur die Schale danach ab ist. Nichts sonst, kein bißchen von der Kartoffel selbst. Das sei Verschwendung, meint sie, und man dürfe doch nichts verschwenden. Meine Oma schält die Kartoffeln so, daß sie sich das kleine scharfe Messer dabei fest in ihren Daumen drückt. Viele kleine Schnitte, dicht nebeneinander. Das macht nichts. Das muß so sein. Alles andere wäre Verschwendung.
Mein Opa erzählt bei Tisch immer die Senfgeschichte. Wie sich jemand, dem ein Gewächs operativ entfernt wurde, später daraus Besteck herstellen ließ. Angeblich. Also Messer und Gabel aus körpereigenem Gewebe. Und dann, als er etwas mit Senf aß, da löste sich das Besteck auf. Ganz von allein. Angeblich. Es ist dieselbe Geschichte, jedesmal, während sich mein Opa dick Senf auf das Stück Suppenfleisch streicht, das sonst niemand will. Anschließend schimpft er dann noch lange über seine Ärzte.
Pellkartoffeln gibt es immer nur zusammen mit Brathering aus der Dose. Arme Leute Essen, mit viel Butter und Salz. Wenn ich die Pelle nicht ordnungsgemäß dünn von den Kartoffeln kriege, weil sie so heiß sind, dann erzählt meine Oma von Hunger und Kälte und Krieg. In genau dieser Reihenfolge.
Meine Mutter hat nie davon gesprochen. Auch ich habe es in ihrer Gegenwart nicht. Niemals, als wäre es verboten. Davon verstünde ich nichts, und überhaupt habe sowieso niemand irgend etwas zu sagen, der nichts besitzt. Und da nun einmal nichts ich besäße. Nichts zumindest, was nicht im Grunde ihr gehöre. Zum Beweis hieß sie mich die Augen zu schließen. Denn das, was ich dann sähe, das sei alles, was mir gehöre.
Erst sehr viel später begreife ich, was sie gesehen haben muß, wann immer sie die Augen schloß. Nichts.
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