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archiv: März 2006

Resopal

10. März 2006 - 19:34

Damals. Diese riesigen Wurst- und Fleischpakete, Woche für Woche. Immer freitags, gleich nach dem großen Einkauf, schreit der Bruder als erstes nach Salamani. Ohne Brot und ohne Not, einfach so.

Der Bruder kann haben, was er will, das ist kein Problem. Das sind die fetten Jahre. Nur, daß es eigentlich Salami heißt, wird ihm hin und wieder noch erklärt. Und bald schon fordert er konsequent Lami. Ganz wie es sich gehört, für einen Dreijährigen. Oder aber Lade, zur Abwechslung.

So ist das Leben. Einmal Zucker, einmal Salz.

silberlöffel.jpg

Die Küchentischplatte ist resopalbeschichtet. Feine graue Linien auf weißem Grund. Sie fangen an zu leben, wenn man lange genug darauf hinunter starrt. Sie tanzen und spielen sogar. Alles spricht, letztendlich, wenn man nur geduldig wartet. Und das ist ganz leicht. Wenn man gezwungen ist, Abend für Abend.

Ich trinke aus einem zerkratzen Plastikbecher mit Kuhaufkleber. Milch, die ich eigentlich gar nicht mag. Noch weniger mag ich den Brei, der auf einem Blechteller direkt vor mir steht. Gnadenlos. Und kalt. Das sind Ewigkeiten.

Der Teller hat einen blauen Rand, ist an einigen Stellen bereits angeschlagen. Der Kinderlöffel ist aus Silber. Immerzu ist er dunkel angelaufen, da hilft nichts. Mir ist das widerlich. Die Tischplatte hat eine kleine Kerbe, genau da, wo einmal das Messer hingeflogen ist. Diese Kerbe stört. Mich und das Muster im Resopal.

Um uns herum herrscht Schweigen, das ist seltsam. Irgendwo dahinter rauscht die Welt. So sind sie, die fetten Jahre. Da wird alles aufgegessen gefressen.

Der falsche Hals

08. März 2006 - 13:31

Meine Mutter hatte immerzu Angst. Zum Beispiel, daß ich an einem Bonbon ersticken könnte, irgendwann. Zumindest hat sie mir das so gesagt, als ich noch Kind war, wieder und wieder.

Ich wußte trotzdem nicht genau, was ersticken eigentlich sein könnte.

Einmal, als ich aus Versehen ein kaum angelutschtes Campino verschluckte und den Druck des glatten, dicken Klumpens noch eine ganze Weile im Hals spürte, dachte ich, es wäre soweit.

Schweigend hockte ich in einer Zimmerecke und wartete. Als meine Mutter dazukam, sah ich sie mit großen Augen an. Ich wollte nicht sterben.

Aber ich konnte es ihr auch nicht sagen. Daß ich es getan hatte, daß es einfach so passiert war. Ausgerechnet das, wovor sie immer solche Angst hatte.