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archiv: Mai 2006

§ 3 \ Absatz 16

22. Mai 2006 - 17:41

Ich weiß nicht, ob ich dich lieber berühren will, sekunden-, stunden-, tagelang nur deine Haut und nichts anderes spüren oder ein Gedicht schreiben, statt dessen, ein paar einfache Worte begreifen.

Welches von beidem kann von Dauer sein, von Bedeutung, für dich oder für mich, und macht es irgendeinen Sinn zu verzichten, auf das eine oder das andere, auf dich oder auf mich. Nicht ohne und erst recht nicht mit dir, keinen Schritt weiter ohne mich selbst, ohne wenigstens ein Wort dafür zu finden, um nicht irgendwann beides einfach vergessen zu haben. Und letztendlich dann doch immer nur ich, allein, mit ein paar wohldurchdachten Formulierungen.

Bewaffnet.

Routine

20. Mai 2006 - 19:40

Die Frau, die vor mir an der Kasse steht, trägt eine Augenklappe, links. Sie hat keine Haare, das ist deutlich zu sehen, obwohl sie eine WM-Kappe trägt. In ihrer Brieftasche steckt links statt eines Bildes ein Patientenausweis.

Sie zittere so, sagt sie entschuldigend zu dem Kassierer, als sie den Kassenbeleg für den DVD-Player zu unterschreiben versucht. „Wegen den Medikamenten.“

Der Mann in dem engen Kassenkabuff hat Routine. „Den Beleg bitte unbedingt verwahren“, sagt er. „Zwei Jahre Garantie.“

Ich glaube an die Schraube

19. Mai 2006 - 15:39

Mein Opa hatte eine ganz einfache Lebensphilosophie. Wenn etwas kaputt ist, schraubt man es auf und guckt hinein. Dann schraubt man es wieder zu, und es ist wieder ganz.

Natürlich hatte mein Opa es leicht, damals, denn es gab noch keine Computer, in die man heutzutage ständig neue Komponenten einbringen kann, soviel und sooft man will. Wenn man es denn kann. Alles andere wirft man weg, Bügeleisen, Bohrmaschinen und sogar Unterwasserkameras, wenn einfach nur der Film voll ist. Lediglich Computer werden ständig auf- oder umgerüstet, wie das jetzt heißt, das auf- und wieder zuschrauben. (Fachkräfte werden an dieser Stelle ahnen, daß ich diesbezüglich wenig Erfahrung habe.) Meinem Opa hätte das nicht gefallen, dieses Wegwerfen. Im Gegenteil, als es seinerzeit die ersten Dinge zu kaufen gab, die man nicht mehr aufschrauben konnte, die statt dessen fest verschweißt waren, blieb ihm das bis an sein Lebensende unbegreifbar. In gewisser Weise verlor er den Glauben an diese Welt.

Mein Opa ist jetzt schon lange tot, über dreißig Jahre, und heute scheine ich endlich einmal alles richtig gemacht zu haben. Ich habe einfach den Subwoofer geöffnet, der neulich auf dem Balkon den Geist aufgegeben hat. Schon eine ganze Weile hatte es geknirscht, immer, wenn man den Laufstärkeregler auf- oder zudrehte. Kein gutes Zeichen, das weiß jeder. Letzte Woche dann kam der Sound nur noch aus einem der beiden Satelliten. Exitus!

Von wegen. Eben habe ich das Ding kurzentschlossen aufgeschraubt. Immerhin, die Holzbox wird mit Schrauben zusammengehalten. Das hätte meinem Opa gefallen. Dann habe ich ein bißchen an den feinen verlöteten Kabeln gedreht, an den kleinen Dingern auf diesem Board, was immer das alles sein mag, herumgebogen und schließlich alles wieder zugeschraubt. Ein Schraubendreher mit Magnetspitze ist dabei sehr hilfreich, soviel steht fest.

Jetzt geht die winzige grüne Lampe nicht mehr, die bislang angezeigt hat, daß die kleine Baßbox eingestaltet ist. Aber der Sound ist wieder voll da

Zugvögel

13. Mai 2006 - 23:35

ich reise nicht, ich bin ein stein, ich fliege.

Ferkelfüße

09. Mai 2006 - 14:40

Agenturmeldungen zufolge werden die in den letzten Tagen in Gerede gekommenen Vierfachamputationen bei Ferkeln eingestellt, die bislang gängige Praxis waren, um die sogenannte Minihaxn flächendeckend anbieten zu können. Da sich dieses relativ neue Produkt jedoch in unserer Wellnessgesellschaft nicht ohne Grund einer wachsenden Beliebtheit erfreut, hat die gemeine Ferkelfußproduktion heute verkündet, ab sofort dazu überzugehen, nur noch einfache Amputationen durchzuführen. In Absprache mit offiziellen Vertretern von verschiendenen dubiosen Tierrechtsschutzorgaisationen wurde festgestellt, daß ein dreibeiniges Schweinemastleben durchaus mit den allgemein geltenden Lebensfreuderichtlienien in Einklang zu bringen sein dürfte. Preissteigerungen bei Minihaxn in einer Größenordnung von bis zu 300% seien jedoch nicht auszuschließen.