Der stinkt ja schon, sagt sie. Der ist doch schon tot.
Das bewundere ich an ihr, seit jeher. Sie sagt, wie es ist. Und sie sagt es laut. Alle anderen sind still, seit einigen Tagen schon. Oder sie sprechen so leise, daß man kaum verstehen kann, was sie sagen. Ganz besonders er nicht. Denn er ist natürlich nicht tot, noch nicht. Aber es ist absehbar, das wissen alle. Sein Bruder, mein Onkel. Seine Frau, meine Mutter. Und der ganze Rest der Mischpoke, die ich seit Jahren nicht gesehen habe.
Hinter vorgehaltener Hand werden bereits die anstehenden Dinge verhandelt. Ein Erbe gibt es nicht zu verteilen, er hat ja nichts, das ist bekannt. Aber die bevorstehende Beerdigung zum Beispiel, darüber muß rechtzeitig gesprochen werden. Es ist schließlich nicht leicht, sich zu einigen. Wenn man sich im Grunde gar nicht kennt. Wenn man nichts voneinander weiß, manchmal nicht einmal den Namen.
Er könnte zur Mutti, sagt Onkel Arno. Da ist noch was frei. Wir würden dann einfach irgendwann dazukaufen, um die Ecke ist ja noch Platz. Ist sowieso besser.
Ich lehne das ab, ohne groß zu überlegen. Ich weiß nicht genau, warum. Er wäre sicher gerne zur Mutti, denke ich. Aber das geht nicht. Er will nicht zurück in diese Stadt, da bin ich sicher. Und ich bleibe dabei. Damit ist die Sache erledigt, vertagt zumindest. Das ist eine Überraschung. Meine Stimme zählt etwas. Das ist gut.
Onkel Arno sieht zu dem Bett hinüber und schweigt. Er ist der Bruder, er ist der ältere. Und er steht da, ihm gegenüber, atmet leicht und lebt.
Verbittert, sagt er leise zu seiner Frau. Gerade so laut, daß ich es eben noch hören kann. Er meint wohl mich damit. Wen sonst, aber da irrt er. Ich habe keine Ahnung, wie er überhaupt darauf kommt. Ich tue, was ich kann, seit jeher. Mehr nicht. Aber auch nicht weniger.
Es hat doch alles keinen Sinn.
Zu ihr sagt natürlich niemand etwas, niemals. Seine Frau, meine Mutter. Sie kann reden und meckern, soviel sie will. So war es immer schon. Sie kann auch sagen, daß er stinkt. Sogar jetzt, in diesem Moment. Einfach so. Da traut sich keiner ran, nicht mal Onkel Arno.
Nein, sagt sie rigoros, als er die Frage in den Raum stellt, ob man den Bruder, den Vater, den Mann nicht vielleicht am besten verbrennen solle. Danach. Das käme vermutlich billiger, und in Anbetracht der Lage, und überhaupt. Das wäre doch das einfachste.
Nix da, sagt sie. Kommt gar nicht in Frage. Der soll verrotten, der soll zerfressen werden. Das ist das Wenigste. So und nicht anders. Das hat er verdient, genau das.
Onkel Arno scheint in diesem Moment die Luft wegzubleiben. Er steht da wie erstarrt. Ich dagegen kenne das, das ist ja nun wirklich nicht neu. Der Onkel ist möglicherweise ein wenig naiv und ahnungslos. Ich weiß auch nicht. Und die Tante ist gerade fast nach hinten weggesackt, das habe ich genau gesehen. Was soll ich dazu sagen? Das geht schon in Ordnung. Sie waren ja nie dabei, alle beide nicht. Das war immer nur ich.
Mit aller Kraft. Der Mann, der Bruder, mein Vater reißt mit einem Mal die Augen weit auf und öffnet den Mund. Damit hat niemand gerechnet, schon lange nicht mehr. Auch ich nicht. Wir sind erschrocken, wir alle. Wie er schreit und jault. Wie ein Tier.
Da ist kein Wort mehr, da ist nur noch Stimme. Und Wut vielleicht. Oder Angst. Es riecht wirklich nicht gut in dem kleinen Raum, natürlich nicht. Es stinkt, da hat sie schon recht. Das ist er. Das ist der Tod. Es liegt in der Luft, sozusagen. Das letzte Gefecht. Und alle wissen Bescheid. Alle warten, daß die Kräfte schwinden. Endgültig. Daß dieses Jaulen aufhört.
Der ist doch tot, sagt schließlich sie, ausgerechnet, in die plötzliche wieder eingetretene Stille hinein. Der ist innerlich längst schon verfault. Der soll das Maul zu lassen.
Ich lehne mich zurück. So kenne ich das, so ist die Welt. Während der Mann, der Vater nur noch röchelt, die Tante eilig den Raum verläßt, was zuviel ist, ist zuviel, und der Onkel fassungslos nach Atem ringt, schnalzt die Mutter mit der Zunge.
Der ist doch kein Mensch, sagt sie. Nie einer gewesen.
Bevor sie dann geht, endlich, schließlich ist alles gesagt. Von ihrer Seite.
Bei sowas krieg ich die Krätze, sagt sie und zeigt auf das verstaubte Kabelgewölle, das sich zwangsläufig hinter jedem PC zusammenballt. So auch hinter meinem.
Es ist kurz nach der Beerdigung, und wir sitzen bei mir im Arbeitszimmer, weil ich kein Wohnzimmer habe. Das war nicht geplant, auf gar keinen Fall. Eigentlich wollte ich nur schnell dem Onkel die Schlüssel geben. Und jetzt sitzen wir dumm da. Wir alle, zusammen mit ihr. Keine Ahnung, wie das passieren konnte. Ich habe sogar Kaffee gekocht.
Du bist auch so eine, sagt sie. Das sehe ich sofort, auf den ersten Blick.
Die Tante seufzt. Der Onkel schweigt erleichtert, weil er ganz offensichtlich nicht gemeint ist. Aber ich bin es. Ich. Wie immer.
Du wirst schon sehen, wohin das führt, sagt sie. Dieser Dreck, überall. Aber das liegt ja in der Familie. So seid ihr doch alle. Ein Dreck. Und eingebildet, daß es stinkt. Stimmts!
Der Rest ist Schweigen, das geht vorbei.
Nein, eines noch. Er ist verbrannt worden, letztendlich, das möchte ich eben noch erwähnen. Ihr Mann, mein Vater. Meine Familie. Ich habe das so entschieden.