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archiv: August 2006

Dialog, nach Jahren

27. August 2006 - 00:40

a:
Ich war zu lange eingesperrt.
b:
Wo denn eingesperrt?
a:
In der Kammer neben der Küche.
b:
Aber warum?
a: (nach einer pause)
Es gibt kein Warum. Es gibt nur das Dunkel.

ENDE

Heiß & kalt

15. August 2006 - 12:23

Berlin ist zeitlos. In Berlin gibt es alles, und zwar zeitgleich.

Und mehr noch. Gestern Abend zum Beispiel habe ich ein Poloklapprad gesehen, das muß man sich einmal vorstellen. Topfit und superchic ist es auf einem Bürgersteig in Friedrichshain an mir vorbeigeradelt, von einem dieser jungschen Friedrichshainer gelenkt. Vielleicht war es auch ein Bonanzaklapprad, das kann ich nicht genau sagen. Polo und Bonanza war ja schon damals irgendwie ziemlich baugleich. Vielleicht ein rein verbales Unterscheidungsmerkmal, regional bedingt. Die beiden habe ich jedenfalls nie auseinanderhalten können. Aber ich hatte ja auch ein 24er-Damenrad in rot.

Poloklappräder gibt es meines Wissens gar nicht. Ich zumindest habe nie eines gesehen, noch wäre ich jemals auf die Idee gekommen, daß es so etwas geben müßte. Vielleicht ist das ein Fehler, wer weiß. Vielleicht sind Poloklappräder das Beste, was es auf der Welt überhaupt nur geben kann. Ich habe ja keine Ahnung. Ich habe mein 24er-Damenrad, rot, eigenhändig mit einer eine 4-Gang-Kettenschaltung ausgestattet, damals. Das muß man sich einmal bildlich vorstellen. Ein Damenrad mit Kettenschaltung, eine Rennradattrappe. So bin ich eben.

Poloräder sind cool, damals wie heute. Klappräder auch, soweit ich weiß. Zumindest sind sie irgendwie nicht auszurotten. Aber 24er-Damenräder, rot, mit 4-Gangschaltung Marke Eigenbau. Das ist nicht cool. Ganz im Gegenteil. Obwohl ‚cool’ damals noch ‚hot’ hieß und sogar übersetzt wurde. ‚Hot pants’ waren ‚Heiße Höschen’, allen Ernstes. ‚Cool’ hingegen gab es überhaupt nicht. ‚Cool’ war damals nicht geil, nicht im Geringsten. Genausowenig wie ein rotes Damenrad mit Kettenschaltung. So etwas kann es doch gar nicht geben. Wie es auch ein Poloklapprad eigentlich nicht gibt. Oder?

Dieses Rad, mein Rad, rot, das ich für eine Weile heiß (=hot?) und innig liebte. Weil ich es quasi erfunden hatte, seine 4-Gang-Kettenschaltung. Es war einzigartig. Bis ich mir das 28er-Unisexrennrad mit hochmoderner 15-Gang-Kettenschaltung gekauft habe, bei Neckermann bestellt, wenn ich mich recht erinnere. Mit dem fahre ich heute noch durch Berlin. Sieht gut aus, das alte Teil, besonders mit den neuen schwarzen Schlappen. Aber es ist braun. Man stelle sich das vor, im Alter von etwa 15 habe ich mir ein braunes Rad gekauft. Und was heißt hier gekauft. In einem Versandhaus bestellt habe ich es. Ich war wirklich nicht ‚hot’, damals, und ich bin heute nicht ‚cool’. Definitiv. Aber was soll’s. Heute ist das egal.

Das ist Berlin, und das ist gut so.

Das rote Rad, damals, hatte immerhin grüne Noppengriffe, die ebenfalls von mir ausgesucht waren. Und Noppengriffe hatten damals alle, in rot oder grün oder blau, besonders an ihren Polorädern. Soviel habe ich schon verstanden von diesen Dingen. Die Jungs hockten dann auf ihren Rädern und taten so, als drehten sie an dem rechten Griff. Dabei machten sie aufheulende Motorengeräusche mit dem Mund. Heute kann ich unumwunden zugeben, daß ich den Zusammenhang zwischen Griff und Geräusch damals nicht wirklich begriffen habe. Doch ich war natürlich cool genug, nicht weiter nachzufragen.

Inzwischen ist natürlich alles ganz anders. Wen interessiert schon, was heiß und was kalt ist. Und ehrlich gesagt, weiß ich nicht, ob auch nur einer dieser Jungs von damals jemals wirklich auf einem Motorrad gesessen hat. Oder es noch heute tut, tagtäglich. So wie ich.

Hänsel

09. August 2006 - 13:26

Manchmal, wenn Besuch kommt, Verwandtschaft oder so, dann wird meine Tür geöffnet. Dann darf ich raus aus dem Käfig.

Dann muß ich die Kleider anziehen, die extra für mich bereitgelegt worden sind. Hübsche Kleider sind das, helle Farben. Weiße Socken und Sandalen. Und ich muß vorsichtig sein, immer. Ich darf nichts schmutzig machen. Denn ich bin Dreck.

Doch ich gehe aufrecht an solchen Tagen, ausnahmsweise. Wenn die Menschen kommen, die Verwandtschaft. Das gefällt mir. Ich tue so als ob, ich kann das gut. Es fällt nicht weiter auf, daß ich zurückkriechen muß, wenig später nur. In den Käfig.

So bin ich gewachsen mit der Zeit.

Heute kommt kein Besuch mehr, keine Menschen. Ich werde schon lange nicht mehr ausgeführt, es ist niemand mehr da. Doch das ist auch gut, das mag ich ebenso.

Auf die Art werde ich nicht mehr gehänselt. Danach.