Die Kunst des Kopflochs
12. November 2006 - 00:46Seit jeher wird mir ein nahezu unbeschreibliches handwerkliches Talent nachgesagt. Das ist nicht falsch, ganz im Gegenteil. Es ist nicht von der Hand zu weisen. Es gibt kein Werkzeug, das mir nicht innerhalb kürzester Zeit gehorchen würde. Es ist undenkbar, daß irgendein noch so eigenwilliges Material mir widerstrebt. Und ich kann es mir nicht einmal vorstellen, wie es wäre, würde eine Raum sich nicht mühelos meinem Gestaltungswillen unterwerfen. So war es immer, so bin ich geboren.
Als Kind hat mein Opa mir den Hammer in die Hand gegeben, so nahmen die Dinge ihren Lauf. Meine Oma hingegen brachte mir Nadel und Faden bei. Sie rückte sich die Brille auf die Nasenspitze und leckte sich über die Lippen, während sie zum Auftakt einzufädeln versuchte. Etwas, was ich ihr bald mit Freunden abgenommen habe. (Jugendliche Hybris, offensichtlich.) So übte ich nageln und nähen draußen im Schuppen und sägen und sticken in der guten Stube. Oder so ähnlich zumindest
Meine Mutter hat sich der Hämmer und Sägen stets enthalten. Dafür war mein Vater zuständig, wie sich das gehört. Er war der Handwerker, der die Wände tapezierte und die Löcher bohrte. Sie hatte allerdings eine schwere, eiserne Nähmaschine, elektrisch natürlich, mit der sie ausgezeichnet umzugehen verstand. Nach den Schnittmustern der 60er und 70er Jahre schneiderte sie sich Röcke, Mäntel und Kostüme, obwohl sie doch nur Friseuse war. Und nicht zu Unrecht war sie stolz auf ihre Kunst.
Was sie jedoch grundsätzlich verweigerte, war die Herstellung von Kopflöchern mit Hilfe dieser Maschine. Zwar schien das nicht allzu kompliziert zu sein. Man mußte das sogenannte „Füßchen“ wechseln, um dann in einer bestimmten Weise zwei Reihen sehr enge Stiche dicht nebeneinander anzubringen. Danach konnte man den dabei entstehenden Stoffzwischenraum gefahrlos auftrennen und das ganze fortan Knopfloch nennen. Meine Mutter weigerte sich gleichwohl strickt. Wohl in der Angst, das bereits so gut wie fertiggestellte Kleidungsstück mit der Anbringung eines oder mehrer fehlerhafter Knopflöcher vollends zu ruinieren. Wie es ihr offensichtlich einmal passiert sein muß.
So saß dann manchmal mein Vater spät abends in der Küche an der Nähmaschine und versuchte sich in der Kunst des Knopflochs. Seine Schreinerhände, der linke Ringfinger damals schon arg zersägt und deutlich kürzer als die anderen, schoben ein lindgrünes oder zartrosafarbenes Stöffchen vorsichtig vorwärts. Seine Zunge machte, was sie immer machte, wenn er arbeitete. Sie arbeitete mit, indem sie angespannt von Mundwinkel zu Mundwinkel sprang. So setzte mein Vater eine Knopflochnaht sauber an die andere. Er steppte vorwärts und rückwärts, hob das „Füßchen“ und setzte ein Stück weiter wieder neu an. Für ein neues Loch in akkurat angezeichneter Flucht. Knopflöcher sind wirklich nicht einfach, wenn man sich das einmal genau überlegt.
Ganz zum Schluß, wenn mein Vater mit der kleinen, spitzen Schere, in deren Grifflöcher seine Finger kaum hineinpaßten, auch noch den Stoff aufgeschnitten hatte, um Loch für Loch fertigzustellen. Dann sah er hoch und hoffte, jedesmal aufs neue, auch diesmal wieder alles richtig gemacht zu haben. Und das waren die Momente, vielleicht, in denen meine Mutter ihn möglicherweise geliebt haben könnte.


