advent advent
24. Dezember 2006 - 00:08

::: Teil I ::: Teil II ::: Teil III ::: Teil IV ::: Teil V :::
Weihnachten, das ist langer her. Seit einigen Jahren baue ich eifrig an meiner eigenen Tradition. Ohne Baum, ohne Familie, ohne Geschenke. Das Fest fällt flach. Ohne wenn und ohne aber, da gibt es keine Diskussion. Ich bleibe allein. Ich freue mich auf ein paar freie Tage, ohne Termine, ohne Menschen. Ohne dumme Gesichter und ohne die Geschichten ohne Ende. Ohne Fragen auch. Ohne Antworten sowieso. Nichts, einfach gar nichts, was mich stören könnte an diesen Tagen. So sollte es immer sein. Die Welt versinkt in Frieden, mir doch egal. Soll sie ruhig.
Am 24. Dezember, wenn um mich herum die Bäume brennen und die Lieder schallen, baue ich das Bügelbrett auf. Am heiligen Abend, in der heiligen Abenddämmerung. Das hat sich so ergeben in den letzten Jahren. Zuerst war es Zufall. Normalerweise bügle ich am Sonntag, abends, bei einem heiligen Tatort, wenn es irgendwie geht. Da liegt Weihnachten natürlich nahe. Nur das Fernsehprogramm taugt dann gar nicht. Gesäusel und Geschnulze, überall, bis in der Nacht dann lauter Actionstreifen gezeigt werden. Blutiger geht’s kaum, doch um die Uhrzeit ist es längst zu spät. Dann ist Weihnachten gelaufen. Inzwischen finde ich, daß die Tradition des Weihnachtsbügelns gar kein schlechter Ansatz ist. Bügeln, das ist das glatte Gegenteil der gemeinen Weihnachtssituation, die ja zumeist vom Chaos und Überlastung geprägt ist. Bügeln ist grundsätzlich schlicht und zielorientiert. Ich schalte im Wohnbüro das große Licht an, das an der Decke oben. Das, was ich sonst so gut wie nie benutze. Ausschließlich beim bügeln. Und während alle anderen um mich herum die grellen Lichter nach und nach löschen, um bei künstlichem Kerzenlicht andächtig Äpfelchen und Nüßchen zu zählen, die stille Nacht in Geschenkpapierbergen zu ersticken und anschließend die frischen Handys und Spielkonsolen ehrfürchtig preiszuvergleichen, fange ich an zu bügeln. Sorgfältig, Stück für Stück. Alles in Ordnung, alles geht glatt. So ist es gut.
Keine Geschenke mehr, das ist die größte Errungenschaft. Eine unendliche Erleichterung, ich kann es kaum fassen. So ist es, wenn man erwachsen wird. Keine Schuld mehr und keine Verpflichtung. Keine Angst vor den Fehlentscheidungen anderer, die es anschließend auszubaden gilt. Vor allem aber kein Ärger mehr mit der Freude. Freude ist nicht meine Stärke, das sagte ich bereits. (In Teil III und IV) Mehr gibt es einfach nicht. Nicht zu sagen und nicht zu wissen. So läßt es sich leben, überleben. Auch diese zwei, drei häßlichsten Tage des Jahres. Außerdem hat mich das Finanzamt vor ein paar Tagen davon in Kenntnis gesetzt, daß ich über Weihnachten meine Steuererklärung 2005 zu erledigen habe. Da kommt Freude auf. Noch Fragen?
::: Teil I ::: Teil II ::: Teil III ::: Teil IV :::
Kinder nehmen ihre liebsten Weihnachtsgeschenke abends mit ins Bett. Alle Kinder tun das, das weiß ich genau. Es ist eine ganz besondere Art, sich zu freuen. Die Dinge zu lieben, eins zu werden mit ihnen. Es ist die beste Art der Freude, die tiefste, ehrlichste überhaupt. Ich gebe zu, auch ich habe das getan, damals, als Kind. Ich habe Geschenke vor Freude mit ins Bett genommen, immer wenigstens eins. Die gelben Schwimmflossen, zum Beispiel, und die Taucherbrille. Da war ich ungefähr 12 und in meine Biologielehrerin verliebt, die im Unterricht von ihren Tauchurlauben erzählte. Ich selbst konnte und wollte überhaupt nicht tauchen. Ich wollte nur Flossen haben und eine Brille, wie meine Lehrerin. Und am Abend wollte ich diese Sachen in meiner Nähe haben. Weil sie so schön waren.
An den Weihnachtstagen herrschte üblicherweise eine Mischung aus Langeweile und Streß, aus der es kein Entkommen gab. Alle hockten zu Hause, wie immer. Mein kleiner Bruder hatte seine drei neuen Bücher schon am Heiligen Abend ausgelesen, und ich übte mit meinen neuen Flossen das Vorwärtsgehen. Dabei warf ich einmal fast den Baum um, der tagsüber richtig traurig aussah. Obwohl die Kerzen angedreht waren, die ganze Zeit. Zum Glück hat es niemand gesehen. Mein Vater saß da und tat nichts, wenn ihm nichts aufgetragen wurde. Er sah müde aus. Nicht so, als hätte er ein paar Tage frei. Meine Mutter ertrug das alles am schlechtesten. Sie war überforderten mit zwei Tage Festbraten, obwohl niemand von uns auf weihnachtlichem Sauerbraten bestand. Mein Bruder sowieso nicht, der kriegte seine Schweineschnitzel, wie jeden Sonntag. Ich akzeptierte das eigenartige, blasse Fleisch, kleckerte aber die weiße Tischdecke mit Bratensoße voll. Jedes Jahr, so sehr ich mich auch bemühte, es nicht zu tun. Weihnachten ist ein Experiment, das nicht gelingen kann. Spätestens bei Tisch, beim Sauerbraten, wußten wir Bescheid. Wir alle. Wir sahen uns nicht an. Wir versuchten, nicht daran zu denken, aber es half nichts. Auch nicht, daß ich unter dem Tisch mit den neuen, gelben Füßen paddelte.
Am 27. Dezember warf meine Mutter meinem Vater seine Geschenke vor die Füße. Oder an den Kopf, ich weiß es nicht genau. Ich habe es nicht gesehen, nur gehört. So wie ich alles immer nur gehört, nie aber gesehen habe. Oder waren es ihre Geschenke? Ich meine das, was er ihr geschenkt hatte. Schmuck, Parfum, Schaumbad. Was Männer eben so schenken, wenn sie sich nicht sicher sind. Diese Sachen meine ich. Sie gab sie ihm wieder, heulte und schrie dabei, als wäre der dritte Weltkrieg ausgebrochen. Vielleicht hatte sie etwas anderes gewünscht, ich begriff es nie. Mein Vater nahm die Sachen in aller Ruhe an sich, so wie es seine Art war. Immer. Schweigend. Ich glaube, er tauschte sie um. Oder er gab sie meiner Mutter zurück, als sie sich ein paar Tagen später wieder beruhigt hatte. Da war Weihnachten aber schon vorbei. Geschenke sind die Leinen, an denen man noch zerren kann, wenn alle Stricke längst gerissen sind.
Die gelben Flossen mußte ich meiner Mutter kurz vor Silvester wiedergeben. Mir wurden die gemachten Geschenke nicht vorgehalten, so wir ihm, sondern die erhaltenen wieder abgenommen. Normalerweise. Irgendeinen Grund gab es immer, daß ich sie auf keinen Fall verdient hatte. Ich habe vergessen, welche das jeweils gewesen sein könnten. Es ist zu lange her. Vielleicht waren die Sachen auch einfach nur lästig, standen im Weg herum oder waren zu laut. „Ich bin doch nich blöd“, sagte meine Mutter auf jeden Fall. „Du denks wohl, ich bin blöd.“ Und schwupps, waren sie verschwunden, meine wunderbaren Schwimmflossen, die ich inzwischen in der Badewanne eingeweiht hatte. Zusammen mit der Taucherbrille, die ich seltsamerweise behalten durfte. Danach wurde mir eine Weile der Kaufpreis angedeutet, vermutlich damit ich ihn mit meinem eigenen Wert in Relation bringen konnte. Außerdem sollte ich eine Begründung finden, warum ich das Zeug überhaupt hatte haben wollen. Es fiel mir oft sehr schwer, das Preis-Leistung-Verhältnis meiner Weihnachtsgeschenke zu rechtfertigen, das gebe ich zu. Ganz besonders bei den Flossen, damals.
::: Teil I ::: Teil II ::: Teil III :::
Erst schenken, dann beschenkt werden und abschließend freuen. Diese weihnachtliche Dreieinigkeit lief noch dazu exakt dreimal hintereinander ab, damals, alles am selben Abend. Der 24. Dezember. Schenken, beschenkt werden, freuen, immer wieder von vorn, in eben dieser Reihenfolge. Zuerst zu Hause, dann bei der einen Oma und zum Schluß noch bei der anderen Oma. Man glaubt gar nicht, wie schwer das sein kann, insbesondere das Freuen. Zum Glück gab es bei der einen Oma, zwischen dem ersten Teil, dem Schenken, und dem Rest des familiären Rituals, Kartoffelsalat mit Bockwürstchen und Senf. Ohne nicht wenigstens zwischendurch etwas zu essen zu bekommen, was kein Marzipanbrot, keine olle Mandarine und auch kein Zimtstern war, lies sich dieses Mammutprogramm unmöglich bewältigen. Nach den Würstchen folgte dann aber ganz lange gar nichts. Nur herumsitzen bei der Oma am Tisch, fernsehen vielleicht und ansonsten abwarten. Dem Geschwätz der Erwachsenen lauschen, diese Geschichten über Krankheit, Tod und andere Gemeinheiten. Immer die gleichen Geschichten, wie mir schien. Über Menschen, die ich nicht einmal kannte. Mitunter gab es auch einen Anflug von Streit. Aber meistens nur ganz leicht, schließlich war Weihnachten. Ich erinnere mich allerdings dunkel, wie mein Onkel einmal fertig angezogen in dem kleinen Flur der Oma auf- und abging, wutschnaubend. Ungeduldig wartete er auf seine Frau. Meine Tante jedoch vermochte diesem Ausbruch offensichtlich keinen rechten Glauben zu schenken. Dementsprechend zeigte sie zunächst wenig Aufbruchswillen. Da nahm mein Onkel nach einer Weile geistesgegenwärtig einen Zollstock zur Hand und begann, den Flur sorgfältig zu vermessen. Fertig angezogen und immer noch wütend. Ob das aber an Weihnachten war, weiß ich heute nicht mehr. (Wenig später soll er den Flur tatsächlich tapeziert habe. Vielleicht zu Ostern, keine Ahnung.)
Egal. Kurz vor unserem Aufbruch zu der zweiten Oma, rückte die erste Oma endlich mit den Geschenken heraus. Wenn wir schon dastanden, in Straßenschuhen, Hut, Mantel und Mütze. Es war immer dasselbe. Lediglich Kinder unter acht durften ihre Geschenke noch vor dem Essen auspacken. Vielleicht, weil sie immer Spielzeug geschenkt bekamen, und daher absehbar war, daß sie anschließend eine ganze Weile damit beschäftigt sein würden. So gab es kein unnötiges Gequängel und Gezeter. So würden sie nicht weiter stören, die Kleinen. Über acht aber gab es kein Pardon, nicht für meine Oma. Weder damals bei ihren Kindern, noch heute bei den Enkeln, und schon gar nicht bei den Angeheirateten. Alle mußten sie die Geschenke mit nach Hause nehmen und durften sie dort erst öffnen. Vorgegeben war dafür der nächste Tag. Ich glaube zwar kaum, daß sich irgendwer daran gehalten hat. Ich zumindest habe es nicht getan. Und auch nicht meine Mutter, da bin ich sicher. Natürlich wußten wir die ganze Zeit genau, wo sie sich befanden, die Freßtüten und sorgfältig eingewickelten Päckchen und Pakete. Im Schlafzimmer, wo wir die Jacken und Mäntel abgelegt hatten, gleich nach unserer Ankunft. Dort standen sie auf der Fensterbank, sodaß man sie schon von draußen sehen konnte. Wir taten jedoch seit jeher so, als sähen wir sie nicht. Bis die Oma sie uns gnädig aushändigte.
Ein bißchen kam mir das immer schon vor wie eine übel inszenierte Erpressung. Heute bin ich mir da sicher, heute habe ich Vergleichswerte. Das Ganze war wirklich sehr schlecht arragiert. Lediglich durch die ständige Wiederholung gewann das Spiel mit den Jahren auch ein wenig an Reiz. Die kleinen Varianten, die der eine oder die andere einpflegte. Der Onkel mit dem Zollstock zum Beispiel. Oder mein kleiner Bruder, der irgendwann vorgab, Vegetarier zu sein. Er verweigerte die Würstchen und verspeiste folgerichtig Kartoffelsalat mit Senf. Vielleicht dachte die Oma, daß wir nicht bleiben würden, nur wegen der Verpflegung. Daß wir die Geschenke einsacken und sie zurücklassen würden mit ihren dürftig geschmückten Fichtenzweigen, den echten Kerzen und den Likörchen. Ich weiß es nicht. Vor allem war es unter den gegebenen Umständen natürlich nahezu unmöglich, den letzten Punkt der heiligen Weihnachtsabfolge zu erfüllen. Sich freuen, obwohl man das Geschenk noch gar nicht ausgepackt hat. Mir fiel das immer ganz besonders schwer. Um nicht zu sagen, ich war dazu einfach nicht in der Lage. Keine Ahnung, wie die anderen das hingekriegt haben. Ich bekam manchmal sogar einen Rüffel, vor versammelter Familie. Oder die Oma nahm wortlos einen von meinen Äpfeln aus meiner Tüte und steckte ihn meinem strahlenden Bruder zu. Ich mag keine Äpfel. Die mußte ich sowieso immer irgendwie entsorgen, von daher war es mir egal. Zumindest der verlorene Apfel selbst.
Danach war ich meistens fertig mit Weihnachten. Viel zu müde, um noch irgend etwas mitzukriegen. Oder gar hinzukriegen. Der Besuch bei der anderen Oma gestaltete sich dementsprechend kurz. Und von Jahr zu Jahr wurde er immer kürzer und kürzer. Vor allem weil meine Mutter kaum noch gewillt war, sich mit ihrer Schwiegermutter abzugeben. Unschöne Geschichte. Wenn ich mich recht erinnere, ist sie in den letzten Jahren überhaupt nicht mehr mitgekommen. Vielleicht besser so, ich kann das beurteilen. Doch der dritte und letzte Weihnachtstermin verkam immer mehr. Ich selbst bin auch kaum noch mitgefahren, wenn ich ehrlich bin. Und auch sonst niemand, nur mein Vater. An Weihnachten ist er, immer spät in der Nacht, allein zu seiner Mutter gefahren. Wenn alle anderen Termine erfolgreich absolviert waren.
Vielleicht war da ja dann Ruhe. Kein schenken, beschenkt werden, freuen. Weihnachten in einer Tour. Komisch, ich hab ihn nie gefragt.
Nur wenige Tage noch, dann ist der Spuk vorbei. In der Agentur liegen wir bereits in den letzten Zügen. Das ist immer so, schließlich arbeiten wir für die jeweils kommende Woche. Derzeit stehen artige Danksagungen an die treue Kundschaft und beste Grüße und Wünsche an solche, die es vielleicht werden könnten, an. „Wir wünschen allen unseren Kurden ein fröhliches Weihnachtsfets uns ein erfolgreiches neues Jahr.“ habe ich gestern tatsächlich hingetippt. Zum Glück habe ich die Fehler im letzten Moment, gerade bevor das Ding endgültig in den Druck ging, noch selbst entdeckt. Ich habe langsam wirklich keine Lust mehr auf Weihnachten. Was ich hier mache, ist keine Dichtung, das ist nicht einmal Werbetexten. Das ist Fließbandarbeit. Und kurz bevor überall die heimischen Kerzen angezündet werden, machen wir dann schnell noch die Silvesterknallerei klar. Inklusive Stimmungswechsel. Plötzlich klingen keine Glöckchen mehr, für uns ist unvermittelt Pyrotechnik angesagt. Der Markt für Raketen, Böller und Goldregen ist groß. Aber die Zeit ist knapp. Das muß sitzen, auf den Punkt. Und, oh Himmel, danach erst ist wirklich Weihnacht.
Die Kollegin ist mittlerweile gut aufgestellt, was die Ausrichtung ihres ersten persönlichen Familienweihnachtsfestes angeht. Der Baum liegt bereits im Garten bereit, das Essen ist, nach mehrfachen Umplanungen, so gut wie auf dem Tisch und der Sohn, für den das alles inszeniert wird, ist in punkto Weihnachten gut gebrieft. Er singt Bimbambim, in einem fort, und wartet auf Schnee. Obwohl das Thermometer seit über einer Woche mehr als 10° plus zeigt. Vor allem aber freut er sich auf die Geschenke, was ihm nicht zu verdenken ist. So kriegt man sie, die Kinder. Man schmiert ihnen was ums Maul oder verspricht es ihnen zumindest. Die Weihnachtsgeschichte hingegen bleibt dem Jungen wohl einstweilen erspart. „Das ist wirklich nicht das wichtigste“, fand die Kollegin. „Das ist viel zu kompliziert.“
Das finde ich auch. Wozu die alten Geschichten? Hauptsache, es ist alles wie immer. So, wie man es kennt. Dann ist es gut. Bei mir war das früher immer so: Pünktlich am 24. Dezember, so zwischen vier und fünf Uhr nachmittags, schenkte ich zunächst, dann ich ließ mich beschenken, und anschließend freute ich mich, so gut ich es eben konnte. Ich bin allerdings nicht besonders talentiert, was das Freuen angeht. Das ist ein schweres Manko. Damit hat man keine guten Karten im Leben, schon gar nicht an Weihnachten. Das ist ein großes Pech.