Camouflage (IX)
28. Februar 2007 - 20:51Niemand hätte sie retten können. Schon lange nicht mehr. Ich weiß es. Aber ihnen ist es unangenehm. Immer gewesen. Bis heute. Der Tod. Das war auch für mich das Ende. Ganz plötzlich. Im Grunde habe ich nicht damit gerechnet, daß der Krieg vorbei sein könnte. Eines Tages. Es war unvorstellbar. Lange schon. Ich habe nicht verstanden. Ich wollte nicht weg. Wollte die schwer erkämpfte Sicherheit nicht aufgeben. Um keinen Preis. Zuerst warf ich Handgranaten. Sinnlos. Aus dem Fenster. Ich hörte die Detonationen. Irgendwo. Draußen. Dann feuerte ich meine Magazine leer. Alle. Ziellos. Einfach weg von mir. Alles. Ich sah nicht hin. Ich weiß nicht, ob ich getötet habe. Daß ich übrigblieb ist Zufall. Ich war erledigt. Hatte keine Waffen mehr. Keine Kraft. War tot. Wie meine Mutter. Man hat mich aus meinem Unterstand gegraben. Aus der Wohnung getragen. Draußen standen sie. Die Leute. Und gafften. Die Mädchen hinter ihren Puppenwagen. Die Jungs etwas abseits. Warfen Steine in die Luft. Und die Erwachsenen. Kopfschüttelnd. Leise miteinander flüsternd. Allwissend. Mitleidig. Aber im Grunde erleichtert. Daß es vorbei war. Endlich. Der Leichenwagen mit meiner Mutter schon abgefahren. Die Polizei auch. Mit meinem fassungslosen Vater. Mein Bruder bei der Oma. Seit einer Woche schon. Zum Glück. Er würde sicher einfach dort bleiben. Eine gute Lösung. Wir verschwanden aus ihrer Welt. Alle. Stück für Stück. Eins nach dem anderen. Wir. Der Krieg. Gleich nebenan. Offensichtlich. Und verborgen. Nur noch ich. Aber das konnte nicht mehr lange dauern. Ich verhielt mich seltsam friedlich. Auf einmal. So hatten sie mich noch nicht gesehen. Trotzdem begrüßten sie gerade meinen Abtransport. Endlich würden sie ihren Kindern nicht mehr verbieten müssen, mit mir zu spielen. Endlich würden sie nicht mehr gefragt werden, warum denn nicht. Ich verschwand aus der Welt. Leise und harmlos. Sie brauchten nichts mehr zu erklären. Diese Erleichterung spüre ich deutlich. Heute noch.


