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archiv: März 2007

Früher Frühling

25. März 2007 - 21:50

Jetzt ist meine liebste Jahreszeit. Die Nächte kühl, nein, kalt bis zum Nullpunkt. Die Tage dagegen gleißend, die Sonne schier unbezwinglich. Und alle Knospen bereit, zum Platzen prall. Wie kleine Fäuste.

In den höheren Lagen, damals, vereinzelt noch Fetzen von Schnee. Dennoch war ich mit der Yamaha die vier oder fünf Kilometer zu dir hochgefahren. Die Straßen waren frei, Ende Februar. Oder Anfang März vielleicht, ich weiß es nicht mehr. Doch wie wir draußen saßen, anschließend, im angrenzenden Park des Krankenhauses. Auf einer Bank, das weiß ich genau. Und wie wir über den frühen Frühling sprachen, unser beider liebste Jahreszeit. Das war unser Moment, unser einziger vielleicht. Ansonsten waren wir verloren, beide, im allgemeinen Getümmel. Im Kriegsgebrüll des Alltags. Nur dieser Augenblick, dieses schneidende Glück. Scharf wie Papier, noch heute. Wenn ich daran denke, wie traurig doch alles ist.

Im Sommer dann, nur ein paar Monate später. Die Nächte sind heiß, die Stimmung gedrückt. Ich lege meine Stirn an die deine, gleich in der ersten Nacht. Ich weiß, daß du nicht mehr sprichst. Doch ich spüre deinen Schrecken, deine Freude. Drei Tage vor deinem Tod.

Camouflage (X)

03. März 2007 - 17:12

Es gibt niemanden mehr. Das muß es auch nicht. Ich bin mir genug. Ich bin ein Krieger. Und ich bin wieder da. In der Gegend auf jeden Fall. In der gleichen Stadt. Ich bin zurückgekommen. Sie wissen es längst alle. Sie haben mich gesehen. Oder von mir gehört. Das zumindest. Sie kommen mir entgegen. Auf mich zu. Ich weiß, daß sie nur zu verhindern versuchen, daß ich über sie rede. Sie können nicht vergessen. Sie wollen nicht, daß ich sage, was ich weiß. Daß sie wissen. Sie wollen nicht wissen. Nicht wahrhaben. Mich. Nicht. Heute wie damals. Aber wem sollte ich etwas erzählen. Es gibt niemanden mehr. Für mich. Das sollte ihnen bekannt sein.

Wenn ich die Straßen entlanggehe. Die von damals. Die von heute. Der Kampfanzug schützt nicht mehr. Was ich sehe, ist rot. Lange Zeit war alles dunkel. Und schwarz. Aber jetzt sehe ich rot. Es fließt durch meinen Blick. Am hellichten Tag. Ich kann es nicht verhindern. Es läuft wie Tränen über mein Gesicht. Wo immer ich bin. Ob ich wach bin. Oder schlafe. Ob ich allein bin. Oder inmitten von Menschen. Fremden Menschen. Alles ist rot. Ich schweige. Wie immer. Schweigen können ist eine wichtige Eigenschaft. Im Krieg. Schweigen ist eine gute Tarnung. Aber ich kann nichts mehr verheimlichen. Die Farbe verrät mich. Das Rote, das in mein Schwarz gestiegen ist. Hochgestiegen aus einer Tiefe, die ich selbst nicht kenne. Tiefer als der Krieg. Älter. Ist die Wut. Die Angst. Die Gewißheit, daß jemand sterben wird.

(erstveröffentlichung 1995, geringfügig überarbeitet)