Damals, im Winter 91, vielleicht auch 92. Was sind schon Zahlen und Jahre, wenn es um Augenblicke geht. Es war eine eisige Zeit, klirrend und bitter. Dieser Winter damals. Weihnachten lag hinter uns. Der Januar zerbrach unsere Gemüter, wie selten zuvor. Dabei war es erst unser zweiter Winter. Oder der dritte vielleicht. Es sind immer die Winter, so ist es doch. Jeder Herbst ist düster und einsam, die meisten Sommer sind drückend. Aber genau kann man es nicht sagen, nicht im voraus. Und Frühling steht sowieso für sich, da legt sich niemand gern fest. Das wäre schön dumm. Frühling ist und bleibt flexibel. Nur Winter sind Winter, da ist einer wie der andere.
Und dieser eine Winter, damals, mitnichten der letzte. Der war besonders schlimm. Es schneite häufig. Der Schnee lag lange, verwandelte sich in Eis mit der Zeit. Die Temperaturen stiegen selten über -10°. Die ganzen fünf Wochen lang blieb es dunkel und kalt bis ins Mark. Im zweiten oder dritten Winter schon. Gegen Ende, kurz vor dem Rückreisetermin, waren wir dann plötzlich zu dritt.
Nachts standen auf dem Eis, meine Freundin, meine Geliebte und ich. Vorsichtig zunächst, man weiß ja nie. Auch im kältesten Winter nicht. Doch das Wasser war nicht tief und das Eis zentimeterdick. Tiefe Risse durchzogen es, mehrere Schichten lagen übereinander. In einem prächtigen Winter gewachsen, gab die Fläche hauchzarte Geräusche von sich. Aber nur ganz am Rand, beim Betreten.
An vielen Stellen war das Eis klar wie Glas. Darunter die Fische, schweigend wie immer. Schwärmend in der Nacht. So spielten, tanzten wir eine Weile. Und standen dann irgendwann zu dritt, umarmt. Ein Dreieck, für den Augenblick perfekt.
Auf dem Rückweg krachten unter unseren Stiefeln die Gräser.