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archiv: Mai 2007

Canadisches Holz (VII)

31. Mai 2007 - 13:26

Wiederum fehlen mir die entscheidenden Informationen darüber, wie die Geschichte an dieser Stelle überhaupt weitergehen könnte. Welchem Zufall es zu verdanken ist, daß die Frau das Buch über Deutschland doch noch erhalten hat. Daß der Mann sie noch einmal sehen konnte. Um es ihr zu geben. Aber sie hat es bekommen.

Irgendwie treffen sie sich. Irgendwer ruft die Frau aus. Über Lautsprecher. Aus irgendeinem Grund. Ich weiß nicht, ob der Mann tatsächlich darum gebeten hat. Und wen. Oder ob es einfach Zufall ist. Aber sie hört es und kommt runter. Um irgendwo zwischen Land und Schiff ein Buch entgegenzunehmen. Noch ein Geschenk. Von diesem eigenartigen, hübschen, jungen Mann, über den sie im Grunde nichts weiß.

Im letzten Moment.

Sein Lachen. Der Mann lacht mit den Augen. Nur für sie. Die Frau, die jetzt fortgehen wird. Für immer. Fast ist es ihr peinlich. Eine Liebe aus der Ferne, mit in die Ferne zu nehmen.

Zufrieden fährt der Mann wieder zurück. Mit dem Taxi. Mit dem Zug. Was ist Geld.

Canadisches Holz (VI)

28. Mai 2007 - 23:17

Er geht in die Bibliothek und sieht sich das Land an. Canada. Endlose Ebenen. Schnee und Berge. Endlose Wälder. Alles scheinbar endlos. Viel Holz für einen Schreiner. Er geht in ein Geschäft und kauft ein Buch über Deutschland. Einen Bildband in Farbe.

Der Mann gibt viel Geld aus. Er telefoniert, um herauszubekommen, wann die Schiffe von Bremerhaven nach Canada fahren. Viele können es ja nicht sein. Er zweifelt nicht. Er überprüft nicht, ob es wirklich das richtige Schiff ist, das ihm genannt wird. Das eine. Das Schiff, mit dem die Frau fahren wird. Er fragt sie nicht einmal. Er soll ja nicht wiederkommen. Zu ihr. Er setzt sich einfach an dem Tag in den Zug nach Bremen. Mit dem Bildband unter dem Arm.

Daß zwischen Bremen und Bremerhaven noch einmal fünfzig Kilometer liegen, hat der Mann nicht bedacht. Er ist in Eile. Leistet sich ein Taxi zum Hafen. Viel Geld gibt er aus. Trotzdem kommt er eigentlich zu spät. Besucher an Bord sind nicht mehr gestattet.

Canadisches Holz (V)

25. Mai 2007 - 18:34

Der Mann darf dennoch eintreten. Die Frau kommt runter und sitzt eine Weile mit ihm in der Küche. Allein. Nimmt sein Geschenk etwas hilflos an. Öffnet es nicht. Was sie sagt, ist eindeutig. Sie hätte nicht mehr mit ihm gerechnet. Nicht nach der Zeit. Im übrigen wäre sie bereits verlobt. Gut. Zugegeben. Auch schon im Sommer gewesen. Aber jetzt. Nach der Zeit. In zwei Monaten würde sie ihrem Verlobten folgen. Würde auswandern. Mit dem Schiff. Von Bremerhaven. Nach Canada. Ihr Verlobter wäre bereits seit einem Jahr dort. Außerdem wäre Weihnachten. Es gäbe noch viel zu tun. Ihre Familie würde oben auf sie warten. Sie hätte einfach keine Zeit mehr, mit im in der Küche zu sitzen. Sicher würde man ja auch auf ihn warten Er müsse sich jetzt auf seine BMW setzen, nach Hause fahren. Und er dürfte nicht wiederkommen.

Es ist stockdunkel, als der Mann losfährt. Er weiß jetzt von dem Eis. Fr ist vorsichtig und stürzt nicht mehr. Ihm ist kalt. Er hat es vermasselt. Fragt sich, ob es für ihn je eine Chance gegeben hat. Ob alles nur Einbildung war. Der Sommer. Wer will das beurteilen.

Canada. Der Mann kann es sich kaum vorstellen. Seine Liebe war immer eine Liebe aus der Ferne.

Canadisches Holz (IV)

23. Mai 2007 - 11:53

Es wird Weihnachten. Es ist der 24., als der Mann sich endlich doch entschließt. Sein eigenes Motorrad ist schon seit einigen Tagen nicht mehr bereit, den kalten Temperaturen zu trotzen. Er leiht sich die BMW seines Bruders, um hinzufahren. Zu ihr. Zu der Frau. In die nächste Stadt. Zu der Adresse, die der Mann auswendig weiß. Vorwärts und rückwärts. Den Weg, den er sich seit Monaten immer wieder auf allen möglichen Karten angesehen hat. Den er, ehrlich gesagt, schon einige Male beinahe gefahren ist. Ein Stück zumindest. Mal mehr. Mal weniger. Aber nie wirklich. Nie bis zu Ende.

Jetzt ist es soweit. Jetzt fährt der Mann zu der Frau, die er seit Monaten nicht mehr gesehen hat. Eine logische Begründung hat er nicht. Es ist der 24. Dezember. Kein gutes Datum für einen Besuch, der doch recht plötzlich wirken muß. Das dämmert sogar dem Mann. Aber er hat ein Geschenk für die Frau. Schon lange. Und jetzt zu Weihnachten. Also ein Grund, etwas zu verschenken. Ein Grund hinzufahren. Gerade jetzt.

Es ist kalt. An einer Stelle, auf einer Brücke ist die Strecke schon nachmittags vereist. Zwei Autos vor ihm haben bereits ihre Kreise gedreht. Der Mann sieht sie von weitem tanzen und lacht. Sein Versuch, vorsichtig an ihnen vorbeizukommen, gerät ihm aber zu vorsichtig. Das Motorrad legt sich langsam, ganz sachte auf die Seite. Der Mann springt ab, rutscht und fällt. Sieht dann zu, wie die Maschine seines Bruders auf dem seitlich weit vorstehenden Motorblock kreiselt. Nicht weiter schlimm. Nur schmunzeln jetzt die Autofahrer über den Mann, der mit Füßen und Knien über das Eis rutschend versucht, die BMW wieder aufzurichten. Mehr als einmal versucht er es. Aber es hilft ihm nicht. Dem Motorrad. Es muß weiter.

Denn der Mann muß weiter. Er ist endlich entschlossen, es hinter sich zu bringen. So kommt er bei ihr an. Bei der Frau. Findet das Haus kurz bevor es dunkel wird. Wartet nicht lange. Klingelt, ehe ihn der Mut verläßt. Steht da. Ein Unbekannter, der in privateste Sphären eindringt. Trifft auf verwirrte Gesichter. Das des Vaters zuerst. Es ist Weihnachten. Familienzeit.

Canadisches Holz (III)

21. Mai 2007 - 18:45

Jetzt erst beginnt die eigentliche Geschichte. Ein Sommer, lange vor der Ehe des Mannes. Seine spätere Frau kennt er noch nicht einmal. Sie wird keine aus seinen Freundeskreisen sein. Kein Teil dieser Geschichte. Und eben doch.

Der Mann legt keinen Wert auf eine Wohnung. Lebt lange bei seinen Eltern. Er legt auch nicht viel Wert auf Kleidung. Trotzdem sucht er sich die Sachen, die er kauft, bewußt aus. Und mit Freude. Trägt sie lange. Liebt sie eben. Wohnt in ihnen. Bis es gar nicht mehr geht. Man sieht das. Mitunter. Grundsätzlich besitzt er lieber Dinge als Geld. Verabschiedet sich schwer von Kleinigkeiten. An vermeintliche Nichtigkeiten aus seinem Besitz kann er sein Herz hängen. Es ist ihm lieber, wenn die Dinge einfach verschwinden. Von sich aus. Ohne daß er darüber entscheiden muß.

Der einzige, kostbare Besitz in der Zeit, in diesem Sommer, ist ein Motorrad. Das pflegt der Mann gewissenhaft, um es sich zu erhalten, als ein Ding, daß ihm sein Leben lang etwas wie Freiheit bedeuten wird. Auch als er es längst nicht mehr benutzen kann. Schon sein drittes oder viertes Familienauto gekauft hat. Er behält die Maschine in seinem Leben. Als ein Stück Ungebundenheit. Zum Schluß irgendwo in einem Schuppen. Heimlich. Versteckt. Aber unvergessen.

In diesem einen Sommer, in der Zeit damals, als die Maschine noch einwandfrei läuft, versucht er mit eben diesem Motorrad, eine Frau zu beeindrucken. Heute würde man das flirten nennen. Und er scheint keinen schlechten Erfolg zu haben. Auf jeden Fall sehen sie sich. Ein paar Mal. Öfter als einmal. Und nicht zufällig. Sie fährt gerne mit dem Mann. Zieht sich Hosen an und eine Windjacke. Setzt seine Lederkappe auf. Das gefällt ihm. Die Frau kommt mit an den See, wo der Mann als Rettungsschwimmer Wache halten muß. Ein Wochenende lang. Vielleicht auch nur einen Samstag. Oder einen Sonntag.

An dieser Stelle sind meine Informationen ungenau. Aber auf solchen Details liegt kein Gewicht. Nicht in dieser Geschichte.

Deutlicher ist, daß der Mann nach diesen anscheinend eindeutigen Sommertagen nicht weiterweiß. Seine Liebe ist eine Liebe aus der Ferne. Und wird es bleiben. Er traut sich nicht vorwärts. Hat keine Erfahrung. Er weiß nicht, was er tun soll. Und es ist noch eine Zeit, in der es an ihm ist, überhaupt etwas zu tun. Als Mann. Wenn das Ganze doch noch etwas werden soll. An dieser Stelle kann ich versuchen, die Geschichte zu drehen und zu wenden, wie ich will. Es bleibt wie es ist. Es vergehen Monate, in denen er sich nicht bei der Frau meldet. Obwohl er täglich an sie denkt. Er kennt ihre Adresse. Weiß genau, wo sie wohnt. Hat sich ihre Telefonnummer gemerkt. Es hilft nichts.