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archiv: Juni 2007

Berliner Luft

22. Juni 2007 - 14:30

„Auf deinem Balkon riecht es nach Blumen, die du gar nicht hast“, sagt die Geliebte gestern Abend zu mir.

Das ist nicht wirklich verwunderlich, denn eigentlich habe ich gar keine Blumen auf dem Balkon. Nur Tomaten, Paprika, Erdbeeren, Rauke und diverse andere Kräuter. Dann sind da noch ein bisschen Männertreu und zwei verschiedene Kleesorten. Ob das Blumen sind, weiß ich nicht so genau. Die schwarzäugige Susanne vielleicht, aber sonst? Riechen tut jedenfalls nichts davon, zumindest nicht so gut.

„Ich hab grad mal runter zu deiner Nachbarin geguckt“, wundert sich die Geliebte weiter. „Die hat auch nichts, was so riechen könnte.“

Stimmt! Da wuchern die üblichen Fuchsien und Geranien. Immerhin sind das Blumen, das weiß sogar ich. Die gab es früher regelmäßig auf dem elterlichen Balkon. Daran gerochen habe ich aber nie.

„Was ist das nur?“

Die Frage bleibt unbeantwortet, den ganzen Abend lang. Wir kommen zu keinem Ergebnis.

In der Nacht dann stehen alle Fenster weit offen, ein laues Lüftchen zieht durch die Räume. Und meine Wohnung ist erfüllt von diesem „undefinierbaren Blumenduft“. Unglaublich!

Da fällt es mir ein. Es sind die Bäume, es sind die Linden, auch in Neukölln.

Denn „Im Sommer riecht es in Berlin nach Linden“, hatte mir eine andere Freundin vor Jahren schon erklärt. Lange bevor ich auch nur daran dachte, hierher zu kommen.

Wunderbar!*

    *Sorry, allen Allergikern. Und den Autobesitzern. Oder sind es nicht die Linden, die die Blechkisten so derart verkleben?

Canadisches Holz (XII)

08. Juni 2007 - 13:51

Daß ein Traum lebt. Und ich weiß es. Daß ich den Mann kenne. Und den Traum. Und daß alles das ein Grund ist, daß eine einfache Geschichte in der Luft liegt. Ob sie nun erzählt wird oder nicht. Sie bleibt. Existiert. Wie Träume existieren. Von eigenen Gnaden. Bis sie wahr werden. Oder sind.

Man mag es bezweifeln, daß ein Land auf der anderen Seite der Erde eine Bedeutung für einen Menschen haben kann. Ein Land, das er doch nie gesehen hat. Aber ein wichtiges Land. Für ihn. Wichtiger als die Bedeutung von Beziehungen. Wichtiger als Menschen. Weit wichtiger. Man mag das armselig finden. Nicht verstehen können. Und auch nicht verstehen wollen. Die Wahrheit liegt anders.

Die Wahrheit liegt in der Sehnsucht, die immer in der Ferne wohnt. In einem Land. In einem Buch. Oder einem Lied, das spricht. Immerzu. Sooft es gespielt wird. Und doch keine Antwort gibt.

Wie die Liebe des Mannes, von der hier die Rede ist. Die die Gegebenheiten der Welt ausließ. Die sich selbst wichtig nahm und wirklich. Und doch nie sprach. Keine Antworten zu geben hatte.

Wie der Tod, der nachts kam. Im Dunkeln. Aus der Ferne. Ein Lächeln.

Wie Schnee in den Bergen. Schmerzhaft hell. Die Not der dünnen Luft. Keine Richtung mehr. Blind. Bis das Ziel gefunden ist.

Irgendwo. Auf der anderen Seite. Ist das Land.

Canadisches Holz (XI)

07. Juni 2007 - 18:10

Hier ist die Geschichte nun wirklich zu Ende. Niemand weiß das. Niemanden kümmert es. Keiner kennt diese Geschichte. Auch jetzt nicht. Auch ich nicht. Eigentlich. Unbegreiflich, woher sie kommt. Warum sie mit einem Mal in der Luft liegt. Offensichtlich. Und doch kaum zu erfassen.

Der Mann hat die Frau nicht wiedergesehen. Die Begegnung zwischen Himmel und Erde sollte die letzte gewesen sein. Das Schiff in Bremerhaven. Das ist alles, was ich weiß. Der Mann hat auch nicht mehr in Erfahrung bringen können, ob wirklich die Frau es war, die den Brief geschrieben hat. Oder ob sie in Canada geblieben ist. Für immer. Und niemals auch nur daran gedacht hat zurückzukehren.

Der Mann ist nie bis Canada gekommen. Er hat es auch nicht versucht. Er kämpft nicht. Er träumt. Er hat sie nie verloren. Die Frau nicht. Die Liebe nicht. Nicht hier. Nicht in Bremerhaven. Und erst recht nicht in Canada. Gewußt hat er das. Aber der Mann hat nicht davon gesprochen. Es ist ein Traum geblieben. Beinahe. Außer, daß er weiterlebt. Der Traum. Wo der Mann doch längst tot ist. Inzwischen.

Canadisches Holz (X)

05. Juni 2007 - 19:46

Trotzdem nicht ohne Richtung. Vor ein paar Jahren hat der Mann einen Leserbrief gelesen. In einem Magazin. Zufällig. Beim Arzt vielleicht. Oder auf der Arbeit. In der Pause. Der Mann hat die Seite sorgfältig ausgeschnitten und aufbewahrt. In dem Brief berichtet eine Frau von einer langen Fahrt mit einem Schiff. Und von ihrer Zeit in Canada. Es ist nur der Vorname abgedruckt. Der stimmt. Und der Anfangsbuchstabe des Nachnamens. Der stimmt nicht. Aber Frauen wechseln ihren Namen, wenn sie heiraten. Meistens jedenfalls. Damals in jedem Fall. Der Ort ist auch abgedruckt.

Genau da fährt der Mann jetzt hin. Nicht mit dem Zug. Nicht mit dem Motorrad. Mit dem Auto diesmal. Nicht nach Bremen. Oder nach Bremerhaven. Ein Ort im Süden von Deutschland. Ein kleiner Ort.

Man könnte meinen, daß es möglich sein sollte, die Briefschreiberin zu finden. Aber diesmal macht es sich die Geschichte nicht so einfach, wie damals im Hafen. Am Schiff. Im letzten Moment. Diesmal gibt es keinen Raum für sie. Irgendwo. Zwischen Land und Ferne. Kein Zufall ruft die Frau zu dem Mann. Kein Lautsprecher.

Die Behörden stellen sich stur. Verstehen ihn nicht, diesen seltsamen Mann. Können nicht begreifen, was er will. Das Einwohnermeldeamt beruft sich auf den Datenschutz. Und hat ein Recht darauf. Der Mann gibt nach.

Vielleicht ist die Frau gar nicht die Briefschreiberin. Vielleicht wohnt sie auch längst nicht mehr in dem Ort. Diesem kleinen Ort im Süden Deutschlands. In dem der Mann jetzt nichts mehr verloren hat. Vielleicht ist sie wieder in Canada. Wahrscheinlich.

Seine Liebe war immer eine Liebe aus der Ferne.

Canadisches Holz (IX)

03. Juni 2007 - 12:16

Die Geschichte ist hier nicht zu Ende. Es wäre denkbar. Aber es ist nicht so. Sie hat nur eine Lücke. Macht einen großen Satz nach vorn. Streckt sich lang. Wie eine Katze. Überbrückt viel Raum. Viel Zeit.

Die ganze Ehe des Mannes liegt jetzt dazwischen. Die Geschichte wird eine Familiengeschichte. Für eine Weile. Kinder werden geboren und werden erwachsen. Neue Personen und ihre Geschichten tauchen auf. Jede mit ihrem eigenen, ganz anderen Mittelpunkt. Von all dem soll hier nicht die Rede sein. Es ist nur die eine Geschichte, die sich in dem Mann abspielt, von der eine weitere, wenn auch nur kleine Episode zu berichten ist.

Der Mann lebt inzwischen wieder allein. Seine Ehe ist nicht geschieden. Niemand weiß warum. Außer er selbst. Vielleicht. In diesem Fall ist es so. Er arbeitet viel. Keine Kunstoffenster mehr. Wieder mit Holz. Aber es ist nicht dasselbe wie früher. Der Mann verdient auch nicht genug. Immer noch hat er Familie. Immer noch Verpflichtungen. Immer mehr Geld wird von ihm verlangt. Immer weniger Liebe. Aber er erfüllt sein Soll. Wie immer. Was ist schon Geld.

Das Motorrad von früher hat nicht überlebt. Nicht bis hierher. Irgendwie ist es verschwunden. Der Mann weiß nicht einmal wie. Vergißt es auch nicht. Er ist frei. Benutzt jetzt sein Auto, wie damals das Motorrad. Er packt seinen Koffer, setzt sich in den Wagen und fährt los. Das ist Urlaub, wie er ihn mag. Ungeplant. Ziellos.