Ich habe Fieber. Ich denke nach.
17. April 2008 - 00:17Es ist spät, tiefe Nacht. Das macht nichts, ich bin ein Nachtmensch. Aber ich bin krank, heute. Ich brauche meine Ruhe. Ich habe Fieber, fürchte ich. Und ich habe ein Problem. Ich fasse zusammen.
Gegen Mitternacht:
Beim Zähneputzen bemerke ich, daß irgendwo im Haus Wasser rauscht. Ein Spülkasten, der volläuft. Eine Dusche oder Badewanne vielleicht. Aber es dauert. Und dauert. Das Bad liegt gleich neben meinem Schlafzimmer. Wenn ich recht überlege, hatte ich schon von dort aus ein eigenartiges Geräusch vernommen. Unterschwellig zumindest. Vielleicht ist etwas kaputt.
Null Uhr zweiundzwanzig:
Ich stehe auf und sehe nach. Ob das Geräusch noch da ist. Das Wasser, das rauscht. Es ist da.
Null Uhr siebenunddreißig:
Ich stehe auf und sehe nach, ob ich vielleicht meinen Spülkasten falsch bedient habe. Könnte immerhin sein, daß das Wasser dort läuft. Und läuft. Doch das ist nicht der Fall. Das Geräusch ist anderswo, nach wie vor
Null Uhr achtunddreißig bis Null Uhr sechsundfünfzig:
Ich denke nach. Es handelt sich definitiv nicht um einen Spülkasten, dazu dauert es zu lange. Und es kann auch keine Wanne sein oder eine Dusche. Oder vielleicht doch? Ein Spülkasten vielleicht, der kaputt ist? Nein, das stellt mich alles nicht zufrieden. Irgend etwas stimmt da nicht, von Grund auf. Ich denke weiter darüber nach.
Null Uhr siebenundfünfzig:
Ich stehe auf, gehe nachsehen. Das Geräusch ist noch da. Eine Waschmaschine vielleicht? Aber mitten in der Nacht? Und so lang? Ich gehe zurück ins Bett und überlege. Eine Wanne wäre längst vollgelaufen. Oder? Also eine Dusche. Da duscht jemand, stundenlang. Kann das sein?
Ein Uhr dreiunddreißig:
Ich gehe ins Bad und sehe mir die Decke an. Sie ist trocken, zum Glück. Hätte ja sein können, daß die Badewanne über mir inzwischen überläuft. Das Geräusch ist schließlich noch da. Immer noch. Ich gehe zurück ins Bett und denke weiter. Ob ich jemanden anrufen sollte? Den Hausmeister? Einen Klempner? Die Polizei? Vielleicht den Rettungsdienst?
Zwei Uhr siebzehn:
Ich schrecke hoch. Ich muß eingeschlafen sein. Angestrengt lausche ich nach nebenan. Ich weiß nicht recht, was ich höre. Ob ich etwas höre. Also stehe ich auf, um nachzusehen. Das Geräusch ist noch da. Das Wasser läuft. Und läuft. Und läuft.
Zwei Uhr neunzehn bis drei Uhr achtundvierzig:
Ich bin beunruhigt, kann nicht schlafen. Ich habe Fieber. Ich denke nach. Nebenan läuft das Wasser. Es rauscht. Vermutlich. Genau hören kann ich es nicht, wenn ich ehrlich bin. Doch das Wasser ist da, es ist überall. Nebenan, in meinem Bad. In meiner Naßzelle, weißgefliest. Da ist alles naß, ganz sicher. Da drüben ist die Flut. Ich gehe da nicht mehr hin, ich will das nicht sehen. Nicht hören. Ich will gar nichts mehr, ich gehe unter. Irgendwann. Einschlafen kann ich auch nicht.
Vier Uhr siebzehn:
Ich schrecke hoch. Ich bin also doch wieder eingeschlafen, das ärgert mich. Und es ärgert mich, daß mich das ärgert. Das alles ist dermaßen unlogisch. Ich will wissen, was mit dem Wasser ist. Aber ich will nicht mehr nachsehen gehen. Das ist doch zu blöd. Mitten in der Nacht.
Vier Uhr neununddreißig:
Ich stehe auf und gehe ins Bad. Das Wasser rauscht. Ich prüfe meine Wasseruhr, könnte doch sein. Vielleicht läuft das Wasser in die Wand. Ich ärgere mich, daß ich nicht schon vorher daran gedacht habe. Doch die Wasseruhr regt sich nicht. Meine zumindest nicht. Bei mir ist alles in Ordnung. Die können mich alle mal. Ich gehe wieder ins Bett.
Fünf Uhr achtundvierzig:
Mir ist schlecht. Ich habe Fieber. Nebenan rauscht das Wasser, unaufhörlich. ich sehe nicht mehr nach, ich weiß es. Irgendwo da oben liegt ein Toter in der Badewanne, ich bin sicher. In ein paar Tagen werden sie ihn finden. Oder in ein paar Wochen. So lange werde ich hier liegen, Nacht für Nacht. Und ich werde das Wasser rauschen hören, ohne daß ich etwas tun kann. Es ist Wahnsinn. Wenn die Leiche dann abtransportiert ist, endlich, und auch die Polizei wieder gegangen, dann kommt bestimmt das Fernsehen. RTL und SAT1 im Wechsel. Vielleicht auch noch PRO7. Vermutlich kommen sie alle gleichzeitig. Und dann befragen sie uns, mich und die anderen Bewohner des Hauses, die ich zuvor noch nie gesehen habe. Ob wir denn nichts bemerkt hätten? Daß wir doch etwas hätten riechen müssen! Oder wenigstens hören, die Wände seien doch nun wirklich sehr dünn. Und was soll ich dann sagen?


