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archiv: August 2008

4. Wolle

31. August 2008 - 19:08

Die Frequenz der Gruppentreffen kann frei gewählt werden. Silvana bietet wöchentliche, 14-tägige und Wochenendtreffen mit Workshopcharakter an. Darüber hinaus können jederzeit Einzelsitzungen gebucht werden. Erfahrungsgemäß führt genau das dann oft zu dem entscheidenden Durchbruch. Es empfiehlt sich also, die Intensität von Einzelarbeit anzustreben. Obwohl es sich dabei natürlich um die kostspieligste Variante handelt.

Tanja hat sich für 14-tägig entscheiden, vor allem des günstigeren Preises wegen. Aber auch, weil Moni seinerzeit an der einzigen wöchentlichen Gruppe teilnahm. Auf die Art bestand nicht die Gefahr einer allzu direkten Begegnung. Dabei gibt es keinen Grund für Tanjas Abneigung, keinen konkreten Vorfall. Tanja hat nichts gegen Moni, sie kann sie nur nicht leiden. Das ist alles. Das ist nichts Besonderes. Doch wer hätte ahnen können, daß sich Moni bald darauf anders orientieren würde. Sie wechselte ebenfalls in den 14-tägigen Rhythmus, um so die teuren Einzelsitzungen finanzieren zu können. Damit geriet sie ausgerechnet in Tanjas Gruppe. Aus dem Dilemma gab es nun keinen einen Ausweg mehr. Silvana duldet in Bezug auf die Gruppenzusammensetzung keine Diskussionen. So wie es kommt, so ist es richtig. Das ist ihre Devise. Damit müsse man leben und arbeiten.

Tanja löste das Problem, indem sie sich fortan zurückhielt. Zwar hatte sie sich auch bei den davor liegenden fünf Treffen nicht sonderlich kooperativ gezeigt. Tatsächlich war es in der kurzen Zeit ohne Moni bereits zu deutlichen Konflikten bezüglich Tanjas Bereitschaft sich einzulassen gekommen. Ewa hatte sich beschwert, weil sie sich abgelehnt fühlte. Tanja war die unscheinbare Ewa bis dahin nicht weiter aufgefallen. Es handelte sich aber keinesfalls um böse Absicht. Tanja fühlte sich vollkommen unschuldig. Es hatte sich einfach nur noch nicht ergeben. Mit Monis Eintreffen jedoch fiel der eiserne Vorhang.

Eine Weile ging es ganz gut. Tanja zumindest war zufrieden. Sie nahm sich zusammen und schwieg. Auf die Art blieben alle notwendigen Distanzen gewahrt. Die anderen Frauen beschwerten sich sporadisch. Auch das war nicht weiter schlimm. Silvana beobachtete das Spiel. Sie schien ein wenig genervt, tat aber nichts. Wie es ihre Devise ist.

Doch diesmal hat Tanja Angst. Vor allem fürchtet sie die Fragen. Es ist das erste Treffen nach der Wassermeditaion. Das Abtauchen, das langsame, schreckliche Versinken. Diese Rettungslosigkeit. Es hat Tanja die ganze Zeit nicht losgelassen, obwohl sie sich bemüht hat. Nicht daran zu denken. Sich nicht selbst die Fragen zu stellen, die sie nicht beantworten will. Nicht einmal heimlich, nur für sich allein.

Dann ist aber alles ganz anders. Niemand kommt auf das letzte Treffen zurück, keine stellt diesbezüglich auch nur eine Frage. Alle geben sich erfreut der neuen Aufgabe hin. Sie schreiten durch den Raum, in unterschiedlichem Tempo, mit unterschiedlich großen oder kleinen Schritten, und suchen nach ihrem Ort, nach ihrer Geschwindigkeit, nach ihrem Zentrum. Nach einer Weile stellt Tanja sich an den Rand und sieht nur noch zu. Dieses Herumlaufen ist ihr zu dumm, sie findet auch keinen Sinn darin. Nein sagen, sich verweigern, das ist alles, was ihr bleibt. Das ist ihr Ort, ihr Zentrum. Da will sie sein. Moni hingehen hüpft ein wenig. Dann schleicht sie, schlurft dabei mit den Füßen über den Boden. Dabei hält sie die Augen fest geschlossen, die ganze Zeit. Vielleicht weil sie weiß, daß Silvana das mag.

Moni trägt dieselben Socken wie Silvana, denkt Tanja. Diese komischen, unfarbenen Dinger, die noch dazu unverschämt teuer sind.

3. Hunde

28. August 2008 - 20:39

In der Agentur arbeitet Tanja schon lange. Angenehmes Büroklima, niemand, der sich vor Ehrgeiz überschlägt. Keine elenden Tricks auf Kosten der Kollegen vor allem. Nichts dergleichen. Auch die Zahlen sind gut. Besser als der Branchenschnitt, der seit Jahren im Abwärtstrend liegt. Ein wenig familiär ist es. Das ist natürlich Geschmackssache, aber meistens geht es gerade so. Auch für Tanja, sogar bei den Weihnachtsfeiern. Es läßt sich ertragen. Außerdem ist es die Chefin selbst, die auf diese Art des Miteinanders besteht. Ohne Streß und ohne unnötigen Druck. Ihre Leute sollen miteinander reden, sich einigen und arbeiten vor allem. Alles andere ist ihr zu blöd. Erwachsene wie in einem Kindergarten zu halten.

Dunja hat ihren Sohn mitgebracht. Es ging nicht anders, ihr Mann mußte ganz plötzlich mit dem Familienhund zum Arzt. Keine schöne Sache, vermutlich wird das Tier eingeschläfert. Dunja ist untröstlich, will es sich aber nicht anmerken lassen. Der Junge verstehe das nicht, der sei doch noch klein. Er solle nichts wissen vom Tod, noch nicht. Dabei ist er fast fünf und wild und stark. Wie ein junger Bär.

Eine Weile kriecht er über den Büroteppich. Alle müssen über ihn hinwegsteigen, auf dem Weg zum Kopierer, zum Fax oder in die Küche. Das ist nicht weiter schlimm, das ist lustig. Der Junge hat großen Spaß. Er lacht und gackert vergnügt. Immer wieder rollt er sich absichtlich mitten in den Weg. Rita packt ihn jedesmal und kitzelt ihn kurz durch. Dann quiekt er.

Dunja gefällt das gar nicht. So ist das Leben, als Mutter. Kein Kind tut, was es tun soll. Es tut das Gegenteil, mitunter. Und das ist verständlich, in diesem Fall ganz besonders. Der kleine Kerl weiß genau Bescheid. Da ist etwas im Busch, seit heute morgen. Da ist etwas mit dem Hund.

Dann hat Dunja die Nase voll. Sie drückt den Hörer auf das Telefon zurück, springt auf und will sich ihren Sohn greifen. Ihn zur Ruhe bringen. Disziplinieren. Doch der steht plötzlich wieder auf zwei Beinen. Er läuft durch den langen Flur, durch die beiden angrenzenden Büroräume. Er ist schnell und flink um die Ecken. Er schreit und kreischt auf seinen Runden. Mit einem Mal ist es ohrenbetäubend. Sogar Sabine guckt genervt.

„Aus“, ruft Dunja, als sie ihren Sohn endlich am Ärmel erwischt. Sie packt zu und drückt den Jungen zu Boden.
„Aus“, sagt sie noch einmal. „Aus!“
„Wuff“, macht Tanja.

Der Junge lacht, laut und hysterisch. Er verschluckt sich fast dabei. Mit großen Augen sieht er seine Mutter an. Sein Gesicht ist verzweifelt, verzerrt.

Dann fängt er an zu jaulen.

2. Luft

19. August 2008 - 23:31

Es ist im Wasser geschehen, Tanja sieht es deutlich vor sich. Oder viel mehr in sich, denn das ist der Weg. So hat sie es in der Gruppe gelernt. Daß alles in ihr ist, und daß sie sich dem nur stellen muß. Um zu leben.

Im Wasser also. Auf einmal ist alles wie Glas, zerbrechlich und sichtbar. Die maßlose Angst, die Tanja umspült. Die vielen ruinierten Momente. Die Tage, die Jahre. Die stetig wachsende Unmöglichkeit.

Tanja konnte plötzlich nicht mehr atmen, eben in der Gruppe, nachdem sie völlig überraschend eingetaucht war. Ganz allein, in die Not, die Vergangenheit heißt. Oder Erinnerung. Zusammen mit den anderen, die ihrerseits in ihre Zeit zurückgegangen waren. Die dicht an dicht auf dem Boden verteilt lagen. Unter ihren mitgebrachten Wolldecken, wie auch Tanja. Die froren, zitterten und manchmal sogar heulten im Verlauf der Übung. Wie schon so oft, denn sie alle sind geübt. Ganz anders als Tanja. Die anderen, die sich anschließend immer eilig Notizen machten, die auch gleich über das soeben Erfahrene redeten. Ewa, deren Mutter sie lächerlich genannt hatte, als die sich im Alter von fünfzehn trotzig beide Zöpfe abschnitt. Mit einem Fleischmesser. Ines, deren Vater an ihrem zwölften Geburtstag die Familie verließ, ausgerechnet. Der nicht einen Tag länger hatte warten können. Und Moni, die es sowieso von allen immer am Schlimmsten getroffen hatte.

Tanjas Kopf dagegen war, diesmal mehr denn je, wie leergefegt. Voller Gewißheit zwar, voller Empfindung. Bis zum Rand damit angefüllt. Doch zugleich wort- und mehr noch fassungslos. Tanjas Zunge vermochte sich eine Weile nicht zu erinnern, wie Laute zu Sprache geformt werden. Tanja saß fest, sie hing in der Zeit. Sie verharrte bei dem Kind, dem sie soeben begegnet war. Dieses Kind war noch klein, sehr klein. Es lebte im sprachlosen Raum. Also schwieg auch Tanja.

Obwohl sie wußte, daß es etwas zu sagen gab, etwas ausgeprochen Wichtiges. Selbst, was es zu sagen gab, wußte Tanja genau. Wasser ist tödlich. Doch auf die unvermeidlichen Nachfragen schüttelte sie nur den Kopf.

„Nichts“, sagte sie schließlich, als die anderen keine Ruhe gaben. Als sie wieder und wieder in sie zu dringen versuchten. „Da war nichts. Ich kann es nicht ändern, tut mir leid.“

Das war gelogen, es tat Tanja nicht leid. Es tut ihr ohnehin selten etwas leid. Zum Beispiel nicht, daß sie Moni einmal ziemlich direkt Schmerzverliebtheit vorgeworfen hatte, wovon diese sich in den Gruppentreffen über Wochen hinweg zutiefst getroffen zeigte. Die Sache hat sie Tanja sicher bis heute nicht verziehen. Selbst wenn sie das neuerdings immer wieder großspurig behauptet. Tanja ist das egal. Es tut ihr auch nicht leid, daß Silvana, die Gruppenleiterin, erschreckend durchschaubar ist, und von daher kaum ernst zu nehmen. Tanja findet es höchstens schade. Die ganze Selbsterfahrungs-, Traumarbeitssache ist eine Zeitverschwendung mitunter. Immer wieder nimmt sich Tanja vor, den Unsinn endlich abzubrechen. Tut es aber dann doch nicht, noch nicht. Vielleicht Mellanie zuliebe.

„Nein“, sagte Tanja noch einmal. „Ich gibt nichts zu sagen.“

Moni mochte aber keine Ruhe geben, nicht an diesem Nachmittag. „Ich habe es satt“, sagte sie. „Immer entziehst du dich. Das ist nicht fair. Wir sind hier eine Gruppe.“

Erst draußen auf der Straße atmet Tanja durch. So tief es eben geht. Dabei ist es ihr gleichgültig, daß da ein Schmerz ist, hinten, im oberen Rückenbereich. Jeder Atemzug, wie ein Stich. Doch das macht nichts, das ist nichts Neues. Tanja setzt sich die Sonnenbrille auf und geht los. Richtung Osten, vorbei an der U-Bahn-Haltestelle, die nach den Gruppetreffen normalerweise ihr Ziel ist.

Man kann sich nicht verlieren in Berlin. Man kann nur laufen, laufen, laufen. Irgend etwas findet sich immer. Diese Stadt ist ein Glück.

1. Wasser

10. August 2008 - 20:38

„Du gehst mit deiner Aufmerksamkeit langsam zu deinen Knien“, sagt Silvana, während sie auf frischen Socken durch den Raum schreitet. Vorsichtig, Schritt für Schritt, die Fußsohlen langsam abrollen. So ist es am besten.

„Du läßt erst dein linkes Knie und dann dein rechtes Knie von dem heilenden weißen Licht umspülen. Alles löst sich in diesem Moment. Alles, was dich vielleicht bedrückt oder behindert im Leben.“

Silvana besitzt eine Unmenge von diesen reinweißen Natursocken, die sie ausschließlich zu den Gruppensitzungen und Wochenendworkshops trägt. Sie weiß schon nicht mehr, wohin damit. Wegwerfen wäre Verschwendung, aber mehr als vier- oder fünfmal kann man sie unmöglich benutzen. Schließlich geht Silvana immer barfuß, nur mit diesen Socken an den Füßen, zwischen den am Boden liegenden Frauen umher. Und es ist nicht so, daß sich alle gleich von Anfang an auf die ihnen gestellten Aufgaben konzentrieren. Ganz im Gegenteil. Es gibt viele, die sich aus den verschiedensten Gründen nicht einlassen können. Oder wollen. Tatsächlich gibt immer wieder welche, die die Übungen mit Vorliebe boykottieren, indem sie blinzelnd um sich sehen, mitunter sogar zu kichern anfangen. Silvana ist es ganz und gar unmöglich in dieser exponierten Situation, als die eine Person, auf die sich letztendlich alles konzentriert, was es auch sei, in üblen Socken umherzulaufen. X-mal gewaschen, mit verfärbten, verhärteten Sohlen oder fadenscheinigen Stellen gar. Das wäre unprofessionell. So ist Silvana wohl die einzige Frau, die über ein Sockenabo der Firma Naturellina verfügt.

Die Knie sind mittlerweile abgehakt, auch der Unterleib und der Bauchraum ausreichend versorgt. Selbst das Herz liegt bereits weit hinter der am Boden liegenden Gruppe.

„Du läßt dieses Licht nun auch durch deine Kehle fließen“, sagt Silvana. „Es ist eine reinigende, klare Energie, die dir gut tut. Alle Hindernisse, alle Zweifel lösen sich darin auf. Du bist ganz entspannt, bereit für die bevorstehende Reise.“

Tanja würgt es im selben Moment. Sie weiß nicht, warum. Sie reist nicht gerne. Seit jeher bleibt sie lieber an Orten, die sie kennt.

„Du machst ein paar Schritte“, sagt Silvana. „Du spürst Sand unter deinen Füßen. Das ist angenehm, kühl und feucht.“

Sie selbst geht mittlerweile nicht mehr umher. Sie hat sich auf den einzigen Stuhl gesetzt und sieht nach draußen. Direkt in die Sonne, weil die schon recht tief steht. Es ist ein wunderbarer Spätsommer in diesem Jahr. Man sollte wirklich noch einmal ans Meer fahren.

„Dann fühlst du plötzlich, wie deine Zehen naß werden“, sagt Silvana. „Du bleibst stehen und setzt dich hin. Vielleicht legst du dich auch, ganz wie es dir gefällt. Sanft umspült das Wasser deine Beine und Arme. Es ist ein Meer. Es ist weit und ewig. Bereits die erste Welle hebt dich, immer noch bist du vollkommen entspannt. Dein Körper scheint zu schweben. Du wirst leicht, ganz leicht. Du gibst dich dem Augenblick hin, läßt dich treiben.“

Tanja ist wie festgenagelt. Der Boden, auf dem sie liegt, ist definitiv kein Sand. Und er ist es nie gewesen. Es ist auch kein teurer Ökowollteppich mehr, irgendwo in einem Erdgeschoß in Charlottenburg.

Der Boden ist Beton. Er ist kalt. Es ist dunkel. Zolldicke Nägel halten Tanja auf dem Grund. Sie weiß nicht, ob sie nur in ihren Pulli geschlagen sind. Oder aber durch ihren Körper getrieben, durch die Schultern. Sie spürt es nicht.

Darunter liegt der Ozean. Und er steigt, langsam, wie Silvana es gesagt hat. Tanja hört nicht mehr. Wasser läuft ihr in die Ohren, umspült ihren Hals, ihren Mund. So versinkt die Welt. Kein Mensch mehr, keine Zeit, kein Raum. Vier Wände in der großen Stadt. Die Sonne, das Licht. Es ist Sommer. Draußen. Doch das Wasser lärmt, nur noch das. Tanja müht sich, den Kopf zu heben, zu halten. Aber die Nägel sitzen fest.

Wasser trägt nicht, Wasser dringt ein. Wasser kann man nicht atmen, das weiß jedes Kind. Wasser ist tödlich.

„Du kommst jetzt langsam in deiner Zeit zurück“, sagt Silvana nach einer Weile.

Endlos langer Kampf, den Tanja kämpft. Tief unten, am Boden. Im Wasser verankert.

„Du öffnest die Augen und bist wieder ganz im Hier und Jetzt. Alles ist gut. Du erinnerst dich an das eben Erlebte so deutlich, wie an einen Traum.“

Während sie das sagt, drückt Silvana an ihrem linken Fuß herum. Es ist keine gute Idee, mitten in einer Übung die Beine übereinanderzuschlagen. Das ist kein gutes Bild. Auch, wenn die Frauen gerade nicht hinsehen, alle sind mit sich selbst beschäftigt. Also bohrt Silvana weiter den rechten Daumen in die schmerzende Stelle, etwa in der Mitte des Fußballens.

Da ist etwas, denkt sie. Die Bronchien vielleicht. Oder die Lunge?