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archiv: September 2008

6. Wind

23. September 2008 - 22:47

„Das bist doch nicht du“, sagt Marlis. „Ich kenn ich dich nicht mehr. Ich weiß nicht, was du damit bezweckst.“

Tanja hat darauf keine Antwort, sie hat nur eine Entscheidung getroffen. Der Rest ist Schweigen. Außerdem ist bislang keine Frage gestellt, nur Marlis’ Vorwürfe schweben im Raum. Unübersehbar. Tanja ist das unangenehm, schließlich hat Marlis recht. Die Trennung muß ihr vollkommen sinnlos und willkürlich erscheinen. Dennoch ist es besser, ohne jeden Zweifel. So kann es schließlich nicht weitergehen.

Das ist doch offensichtlich, denkt Tanja. Aber sie sagt es nicht. Sie sagt gar nichts.

„Warum tust du das?“

Diesmal ist es eine Frage, eindeutig. Doch es gibt keine Antwort. Tanja schaut aus dem Fenster. Auf einem der gegenüberliegenden Balkone steht ein Mann mit nacktem Oberkörper und singt. Das tut er öfter.

„Du sitzt nur noch da und schweigst, schon seit Tagen. Du rührst dich nicht, du tust überhaupt nichts mehr. Du guckst mich nicht einmal an. Nicht einmal jetzt. Du schickst mich weg, einfach so. Was denkst du, wie ich das finde.“

Tanja zuckt mit den Achseln, kaum sichtbar. Und sie seufzt, ebenso lautlos. Sie weiß es nicht, nicht im Augenblick. Sie atmet kaum, vorsichtshalber. Es ist wie es ist. Das könnte ein möglicher Satz sein. Zum Abschied, die Liebe. Oder wenigstens eine Andeutung. Doch das wäre gestohlen und gelogen und außerdem Kitsch. Kitsch ist zynisch, in dem Moment, in dem etwas zu Ende geht. So funktioniert das nicht. So etwas kann man nicht sagen. Nicht zu Marlis. So etwas sollte man nicht einmal denken, denkt Tanja. Die Liebe ist ein Tier, das auf sich selbst gestellt ist.

Außerdem ist Marlis längst zur Tür hinaus. Sie hat sie nicht hinter sich ins Schloß gezogen, sondern regelrecht zugeschlagen. Wie der Wind. Das ist nicht ihre Art. Marlis will reden, immer, sie will die Dinge klären. Damit sie sich nicht manifestieren oder ausufern, eines von beidem. Ganz falsch ist das nicht, denkt Tanja. Aber auch Reden kann die Dinge verhärten. Oder aber ausufern lassen. Besonders, wenn man nichts zu sagen weiß. Dann ist es eine Quälerei.

Tanja ist erleichtert. Marlis ist gegangen, endlich. Allein ist es gleich besser. In der Stille der Wohnung, alle Türen sind geschlossen. Im eigenen Schweigen. Zu Hause. Tanja steht auf und geht zum Schreibtisch hinüber. Sie klappt den Deckel des Laptops hoch und drückt auf den Startknopf. An Arbeit denkt sie dabei nicht. Sie will nur die Geräusche, das Drehen der Festplatte und das sanfte Säuseln der Lüftung.

Tanja sieht aus dem Fenster. Drüben ist noch immer dieser Mann auf dem Balkon. Noch immer singt er, während er seine Pflanzen gießt.

Die Gegenwart anderer, das ist es, seit jeher. Das läßt sich nicht bewältigen. Immer sind sie im Weg, die anderen, die Menschen. Wer es auch sein mag, der Postbote, ein Handwerker oder die Geliebte. Je näher, desto schlimmer. Alle beherrschen den Luftraum, augenblicklich, und es gibt keinen Weg mehr. Nicht einmal einen Gedanken.

Gut, daß Marlis verstanden hat. Daß sie von selbst gegangen ist.

5. Wölfe

06. September 2008 - 23:12

Wenig später fordert Silvana die Gruppe dazu auf, spontan irgendwelche Töne zu machen. Moni fängt daraufhin sofort an, wie ein Wolf zu heulen. Oder wie sie meint, daß ein Wolf heulen würde. Wölfe sind ihre Lieblingssymboltiere. Und Wale natürlich, aber die sind schwer nachzuahmen. An Walen versucht sie sich selten. Tanja verschwindet eilig zum Klo. Das ist jederzeit erlaubt, auch wenn es sich in diesem Fall unverkennbar um eine Fluchtreaktion handelt.

Als Tanja zurückkommt liegen alle auf dem Boden. Silvana deutet wortlos auf die eine, unübersehbare Lücke. Dorthin, wo vorsorglich Tanjas Decke plaziert ist. Und Tanja gehorcht. Auf einmal liegt sie da, mit den anderen im Kreis. Schon wieder.

Den Rest der Zeit bemüht sich Tanja, nicht genau hinzuhören. Sie will nicht wissen, was Silvana sich diesmal ausgedacht hat. Alles, nur das nicht. Aber nicht hinzuhören, ist gar nicht so einfach. Es ist eine verzweifelte Anstrengung, die letztendlich auch nicht gelingen kann.

„Was ich dir schon immer mal sagen wollte“, sagt Moni als die Übung vorbei ist. Alle Teilnehmerinnen stehen wieder auf ihren Füßen, ein paar packen bereits ihre Decken zusammen. Tanja beschließt, nicht gemeint zu sein. Vorsichtshalber schaut sie gar nicht erst hoch. Tatsächlich wendet sich Moni Ewa zu, die sofort erschrocken aussieht.

„Also, wenn du bei den Übungen einschläfst und manchmal sogar schnarchst. Das ist schon sehr störend, auch weil es mir zeigt, wie wenig ernst du das alles nimmst.“

Ewa zieht den Kopf ein. Erst neulich hatte sie ausgiebig darüber berichtet, wie anstrengend der neue Job ist. Ein Job, der ihr keinen Spaß macht, den sie im Grunde auch gar nicht hatte annehmen wollen. Aber aussuchen könne man sich das heutzutage ja nicht mehr, hatte sie gesagt, und irgend etwas müsse man schließlich tun. Da gäbe es durchaus schlimmeres, das wisse sie schon auch. Da wolle sie gar nicht herumjammern, auf gar keinen Fall. Es sei immerhin besser als nichts. Doch es sei eben auch ermüdend. Und frustrierend, vor allem. Und.

Ungefähr an dieser Stelle hatte Moni Ewa rigoros unterbrochen und vehement dagegen gehalten. Das sei ein schwerer Fehler, die Dinge so zu sehen. Man müsse im Gegenteil seine Träume erkennen und verwirklichen, das sei eine Pflicht. Und alles andere koste ohnehin nur unnötig Zeit und Energie, das sei ja nun mehr als offensichtlich. Wobei Zeit und Energie ja eigentlich ein- und dasselbe seien. Von daher wäre es nun irgendwie auch wieder egal, was genau man tue. Aber tun müsse man es eben mit ganzem Herzen, was auch immer es sei. Und nicht mit diesen Zweifeln und Vorbehalten, die sie bei Ewa heraushöre. Diese Negativität immer.

Das ging eine ganze Weile so, Tanja erinnert sich genau. Ewa war mehr und mehr verstummt. Moni selbst ist übrigens arbeitslos, seit über fünf Jahren. Sie nennt es arbeitsunfähig. Oder aber leistungsblockiert. Tanja ist nicht ganz sicher, inwiefern das anerkannt ist, medizinisch attestiert. Bei Moni weiß man nie. Sie kriegt die seltsamsten Strategien durch, auch bei Ämtern und Behörden, wenn es um Schutz und Pflege der eigenen Haut geht.

„Du mußt nicht auf mich losgehen, wenn du eigentlich eine andere meinst“, sagt Ewa. Leise, aber bestimmt.

Ines, die gerade zur Tür hinauswill, horcht auf. Moni stellt sich in Position, augenblicklich. Damit hat sie nicht gerechnet. Ausgerechnet Ewa. Nur Silvana nimmt keine Notiz. Sie checkt ihr Handy, das während des Treffens ordnungsgemäß abgeschaltet war. Doch die Stunde ist vorbei. Ewa nimmt all ihre Kräfte zusammen.

„Als Tanja letzte Woche während der Meditation die ganze Zeit rumgeröchelt hat, hast du auch nichts gesagt“, sagt sie und blickt Moni direkt an. „Und das war wirklich nervtötend.“