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archiv: Oktober 2008

9. Träume

30. Oktober 2008 - 20:29

Schlaf ist ein Problem. Nächte sind für vieles gut, für intensives Arbeiten und Konzentration auf das Wesentliche. Für Schweigen und Stille und Glück. Ebenso für Angstfülle, Menschenleere, Einsamkeit. Die Hölle endloser Interpretationsschleifen. Alles ist möglich, Verzweiflung und Erleuchtung gleichermaßen.

Tanja träumt, auch ohne Schlaf. Sie kann nicht anders. Es liegt nicht in ihrer Hand, seit jeher. Das Repertoire scheint endlos. Linien, Wellenbewegungen und Farbschwünge begleiten sie durch die Nacht. Bilder kamen erst später. Viel später. Und Bilder sind das Problem, seit es sie gibt. Bilder stehen im Weg, verstellen die Sicht. Bilder betrügen, in den allermeisten Fällen. Seit einiger Zeit schon türmt sich hinter Tanja ein Arsenal auf. Messer und Äxte, kleine und größere Schußwaffen. Schweres Eisen, das ihr gegen den Hinterkopf gedrückt wird. Sobald sie die Augen schließt. Kühles Metall. Schnelles, scharfes Werkzeug, präzise Maschinen. Mechanische Klänge. Dieses sinnlose Klacken, jedesmal. Am Ende siegen die Bilder. Und  finden kein Ende dabei. Das ist ihr Ziel.

Tanjas Rücken ist hart, langsam wächst er zu. Friert ein im Winter, verdorrt im Sommer. Wie Holz. Das muß geschlagen werden. Gefällt, wie ein Baum. Das muß fallen, muß splittern und brechen. Das muß reißen, endlich, einreißen, aufreißen. Oder aufgebrochen werden, wie eine verrammelte Tür. Gesprengt.

Tanja bleibt oft Stunden ohne Schlaf. Es ist schlimmer geworden, seit sie die Gruppe nicht mehr besucht. Da gibt es nichts zu beschönigen. Es gibt nur die Bilder, die sich nicht ändern. Die sich nur immer weiter zuziehen, immer enger werden. Das ist alles. Und Tanja tut ihren Teil. Es ist nicht leicht, die Äxte zu schwingen. Von hinten, gegen sich selbst. Oder Messer, seien sie auch noch so scharf, tief ins eigene Fleisch zu rammen. Das ist nicht leicht, Nacht für Nacht.

Ohne Schlaf wird alles stärker und klarer. Für eine Weile zumindest. Oder es scheint so, bis alles restlos verschwindet, unwiederbringlich. Bis die Dinge sich selbst vernichten. Bis sie im Schmerz vergehen. So ist das. Auf Dauer kann wach bleiben schmerzhaft sein.

Doch Schmerz ist nicht das Thema. Schmerz geht in Ordnung, im Grunde. Schmerz ist ein guter Freund auf dem Weg. Tanja ist einverstanden. Der Panzer hält dicht, er sitzt gut und fest. So ist es sicher. Obwohl Tanja auch schießt. Sie drückt ab, sie selbst. Schießt sich in den Hinterkopf. Das ist nichts Besonderes. Das ist ganz leicht, das braucht nicht viel. Unten rechts ist die Stelle. Immer wieder dieses sinnlose Klacken. Am Ende, das kein Ende ist.

Nur Schlaf ist ein Problem. Unter Umständen ist an Schlaf nicht zu denken. Er tritt erst gegen Morgen ein, in der Dämmerung vielleicht. Und das hilft nicht viel. Traumlos zu sein, für eine kleine Weile nur. Auch das ist sinnlos.

Ohne Schlaf funktionieren die Tage nicht.

8. Nacht

24. Oktober 2008 - 16:47

Marlis ruft in regelmäßigen Abständen an. Alle drei oder vier Tage hinterläßt sie ein paar Sätze auf dem Anrufbeantworter. Tanja hört kaum hin.

Immer wieder sind es im Grunde grundlose Anrufe. Man könne doch trotzdem in Verbindung bleiben, erklärt Marlis dem elektronischen Aufnahmegerät. Von ihrer Seite stünde dem nichts im Wege. So könne es doch schließlich nicht weitergehen. Das sei doch kein Zustand. Da müsse sich doch einen Weg finden lassen, der für beide Seiten paßt. Irgendwie. Sich einfach so, von jetzt auf gleich, gar nicht mehr zu sehen. Das sei doch keine Lösung. Für was auch immer.

Das erträgt Tanja am wenigsten. Diese Vereinnahmung, diese Enge. Die Hoffnung, die daraus spricht. Obwohl es vorbei ist, definitiv. Tanja hat keine Zweifel. Genau so soll es sein. Und es gibt nichts mehr zu sagen. Nur Marlis gibt keine Ruhe. Obwohl sie besser wissen sollte. Daß Tanja daneben steht und zuhört zum Beispiel. Daß sie nicht ans Telefon geht, wenn sie nicht will. Niemals. Dennoch spricht Marlis ihre Sätze auf, regelmäßig. Vielleicht hat Silvana ihr dazu geraten. Dranbleiben. Sich anbieten, reden. Auch, wenn die andere sich verweigert. Und Marlis macht ihre Sache gut. Tanja zieht nach ein paar Wochen das Kabel des Anrufbeantworters aus der Dose. Es ist auch die Sorge, die daraus spricht. Das ist zuviel, auf Dauer. Das war es immer schon.

Tanja schläft nicht, darin ist sie geübt. Schon als Kind lag sie allzu oft hellwach. Darin ist sie eine Meisterin. Die Tage danach vergehen in Erschöpfung, ohne daß irgendwer ein Wort darüber verliert. Schule, Studium, Arbeit. Was sein muß, muß sein. Probleme gibt es keine. Die Dinge laufen, wie sie sollen. Der Kampf tobt nur nachts. Da wird ausgetragen, was zu keinem Ende finden kann.

Marlis hat das nie verstanden. Warum Tanja manchmal nachts nebenan auf dem Sofa saß, statt neben ihr im Bett zu liegen. Und zu schlafen. Marlis schlief immer, tief und gut. Sie schlief auch meistens sofort ein. Sie schlief durch. Nur Tanja ließ sie manchmal aufwachen. Weil sie plötzlich nicht mehr da war, mitten in der Nacht. Weil sie auf dem Balkon saß, im Sommer. Oder in der Küche, lesend. Oder sie tat gar nichts. Saß nur da, mit müden Augen. Ohne Licht.

„Komm zurück ins Bett“, sagte Marlis dann. „Es ist kalt. Komm doch schlafen.“

Sie fragte nach dem Grund, ob etwas geschehen sei. Eine Antwort bekam sie selten, auch nicht am nächsten Morgen. Tanja blieb ausweichend, leicht zynisch, wie immer.

„Ich schlafe nicht“, sagte sie höchstens achselzuckend. Bevor sie ins Büro, in die Uni oder sonstwohin aufbrach. „Nicht, wenn ich nicht allein bin. Das ist eben so.“

Mehr Erklärungen gab es nicht. Auch nicht, wenn Marlis weiter fragte. Was sie mitunter tat, vorsichtig und fordernd zugleich. Tanja sagte nichts dazu. Sie sprach nicht von den Träumen, den Waffen. Niemals. Das ging niemanden etwas an. Selbst in der Gruppe hatte sie sich nie dazu geäußert. Auf den Gedanken war sie nicht einmal gekommen.

7. Zug

04. Oktober 2008 - 23:23

„Weißt du, ich kenne das“, sagt Moni zu Tanja. Beide stehen in derselben U-Bahn-Station. Das ist sonst nie der Fall, aber es könnte Zufall sein. Tanja glaubt allerdings nicht an Zufall. Nicht in Zusammenhang mit Moni.

„Das habe ich auch Ewa gerade noch erklärt. Wenn es plötzlich hochkommt, alles auf einmal. Damals, da hat mein Vater mich ja im Auto eingesperrt. Dabei war ich noch so klein, vielleicht vier oder fünf. Aber ich erinnere mich inzwischen genau. Ich dachte wirklich, er würde nie wiederkommen. Er hätte mich vergessen oder so. Er hat mich ja sowieso nicht gewollt, das hat meine Mutter mir neulich erst erzählt. Mich nicht, und sie auch nicht. Er hat uns verlassen, symbolisch meine ich, als er mich da im Auto gelassen hat. Und das habe ich nie vergessen, das hat mich immer gequält. Obwohl ich es natürlich auch jahrelang völlig verdrängt hatte. Aber so was ist ja da, auch wenn man es nicht weiß. Und wenn dann so alles auf einmal. Ich weiß genau, wie das ist.“

Tanja kennt die Geschichte mit dem Vater und dem Auto. Moni trägt diese Sache immer wieder und in vielen verschiedenen Versionen vor. Mal ist es eine ganze Winternacht, die sie allein im Auto verbringt. Dann wieder sucht die Mutter stundenlang nach ihrer Tochter und befreit sie schließlich, indem sie heroisch eine Scheibe einschlägt. Inzwischen denkt Tanja, daß der Vater vielleicht einfach nur kurz Zigaretten holen war. Dafür hat er seine Tochter nicht extra wecken wollen, und dann ist sie ausgerechnet in den paar Minuten seiner Abwesenheit aufgewacht. Kinder erschrecken in solchen Momenten. Das läßt sich nicht vermeiden. Wie man es macht, ist es falsch.

„Was war es denn bei dir? Sag doch mal.“

Moni will es wissen, jetzt. Sie hat ein Recht darauf. Sie erzählt schließlich auch immer allen alles. Rücksichtslos. Tanja atmet durch, es klingt wie ein Seufzen. Das ist unbeabsichtigt. Sie schielt auf die U-Bahnanzeige. Noch eine Minute, in Monis Richtung vier. Das läßt sich bewältigen.

„Bei mir war es die Mutter“, sagt Tanja beiläufig.

Das ist politisch und vor allem feministisch völlig inkorrekt. So etwas kann man nicht bringen, die eigene Mutter beschuldigen. Schon gar nicht Moni gegenüber.

„Sie hat mich zu ertränken versucht, in der Babywanne. Ich muß so etwa sieben oder acht gewesen sein. Monate.“

Moni schluckt. Das ist sogar ihr zuviel, zu groß. Dagegen kommt sie nicht an. Jedenfalls nicht auf Anhieb.

„Ich hatte es vergessen, logisch. Ich war ja sehr klein, damals. Und jetzt muß ich ständig daran denken.“

Moni schweigt, immer noch. Das ist außergewöhnlich. Tanja nutzt die Gelegenheit, um sich abzuwenden. Zum Glück fährt zeitgleich die U-Bahn ein. Und in der Bewegung, in diesem Moment, wird Tanja klar, daß sie nie wieder zu einem dieser Gruppentreffen gehen wird. Und zwar nicht nur wegen Moni.

„Was tust du denn jetzt? Wie gehst du damit um?“ ruft ihr die noch nach. „Das ist doch wichtig.“

„Ja“, sagt Tanja leise. „Das ist es.“