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Der Krieg erreicht das Mädchen

28. November 2007 - 20:50

Als der Krieg vorbei war, dachten sie, sie hätten es geschafft. Das Haus, in dem sie wohnten, war verschont geblieben. Alles noch da. Die gegenüber hatten nicht soviel Glück gehabt. Die waren ausgebombt. Noch im letzten Augenblick. Da war nicht mehr viel. Auf dieser Seite waren nur wieder mal die Fensterscheiben zersprungen, als es drüben gekracht hat. Und der Opa, der nie mit in den Bunker ging, sondern sich ins Bett legte, war über und über mit Dreck und Glassplittern bedeckt, als sie zurückkamen. Glas ließ sich nicht mehr auftreiben. Die Fenster waren seitdem mit Pappe vernagelt. Aber sonst alles noch da. Der Hunger war auch nicht so groß, denn der Mann arbeitete unter Tage. Das gab extra.

Dann war der Krieg vorbei. Und das Wasser kam. Die Katze hatte es schon am Morgen gemerkt. Wollte nicht fressen. Nicht einmal Milch klauen. Lief nur unruhig, jammernd hin und her. Dann verschwand sie. Aber sie merkten nichts. Erst als das Wasser da war, packten sie in aller Eile irgendwelche Sachen zusammen und brachten sie in das eine Zimmer oben. Das Wasser war schnell. Sie hockten zu fünft in dem kleinen Zimmer und hofften, daß es nicht auch noch überschwemmt werden würde. Notfalls würden sie von einem Ruderboot abgeholt. Das wußten sie. Aber sie wollten nicht. Sie hielten die Stellung. Das Wasser machte tatsächlich früh genug halt. Das eine Zimmer blieb trocken. Ein paar Tage lebten sie da und wurden vom Boot aus versorgt. Das Wasser ging langsam wieder. Als es ganz weg war, spritzte der Vater mit einem Schlauch Dreck, Schlamm und tote Tiere aus den Wohnräumen. Das faule Holz der Möbel brach er teilweise mit den Händen auseinander.

Der Gestank blieb lange. Als die Tochter sah, wie er ihre aufgequollenen Bücher wegschaffte, brach sie zusammen. Sie stand nicht wieder auf.



  1. engl @ absurdum » Blog-Archiv » eisblumen (throwing bones):

    [...] ich bin alt geworden, verdammt alt. dieser tag in essen, neulich, der hat es gezeigt. das haus meiner oma, damals rußgrau, fast schwarz, auf jeden fall verputzt, steht heute piekfein da. die fugen freigelegt, die steine sauber geputzt. der anbau umgebaut, die hecken und der flieder verschwunden. auch die tore. statt dessen steht eine garage im hof, da, wo früher die riesige birke der nachbarn bis an die stromleitungen heranwuchs. alles ist klein, so klein. die wege, die ich gerannt bin oder mit rollschuhen gefahren. die fenster, aus denen ich nur von einem stuhl aus hinaussehen konnte. das obere zimmer, in dem ich geschlafen habe, wenn ich dort war. winzig, auch von außen. die hintere tür war damals der haupteingang, die vordere dagegen blieb so gut wie immer verschlossen. die hintere tür ist heute vermauert, das ist deutlich zu sehen. die alte form, die spur. der rest. weiter trau ich mich nicht. der krieg hat das haus verlassen. idylle ist eingezogen, und harmonie. kunststoffenster und heiztanks, wo früher eisblumen blühten. ich habe nicht einmal ein bild gemacht. « » [...]