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Krisskinder – eine Weihnachtsgeschichte (I)

02. Dezember 2006 - 20:01

Gott, jetzt geht das wieder los. Es ist sogar schon in vollem Gange, unverkennbar. Dieses Leuchten und Blinken allüberall. Die tägliche Zeitung ist dreimal so dick, wegen der ganzen Hochglanzprospekte. Schmuck, Spielwaren und Unterhaltungselektronik in doppelter und dreifacher Ausführung. Damit scheint aber schon alles abgedeckt. Doch ich darf mich nicht beschweren, ich lebe davon. Seit Jahren texte ich die Weihnachtgrüße des lokalen Einzelhandels. Und die Neujahrswünsche, die Ostergrüße, die Geschäftseröffnungen und -jubiläen. Auch die Abschiede, die Geschäftsübergaben und die wöchentlichen Angebote von Bäckern, Metzgern und Nagelstudios. Ja, ich dichte sogar, wenn es sein muß.

Die Kollegin, mir gleich gegenüber, verkauft heute schon den ganzen Tag die Beilagen für die nächste Woche. Immer wieder erklärt sie die Sache mit dem Gewicht. „Legen Sie das Ding doch einfach mal auf die Waage“, ruft sie ins Telefon. „Briefwaage ist okay. Die Maschine arbeitet halt mit Luft. Das Gewicht müssen wir wissen, damit die immer nur eins zieht. Das wollen wir doch nicht, daß dann am Ende zwei oder drei in einer Zeitung. Dafür zahlen sie ja nicht den Stückpreis.“ Kommt natürlich trotzdem immer wieder vor. Die höchste Stückzahl, an die ich mich erinnere, ist 27. 27 mal derselbe Prospekt in einer Zeitung. Nicht schlecht. Auch, wenn es nur ein einziges Blatt war und glatt wie ein Spiegel. Das konnte gar nicht gutgehen. Radio Reinhardt. Hat er aber nie erfahren, zum Glück. Der Mann ist ein Choleriker. Er schreit alles an, was kein Kunde ist, wenn es gerade sein muß. Und am liebsten sind ihm da die Zeitungsleute. Wollen ja eh nur Geld.

Die Kollegin hat noch ein anderes Problem. Ihr Sohn wird demnächst drei, und er soll richtig Weihnachten feiern, wie es sich gehört. Er kommt ja bald in den Kindergarten, was soll man da machen? Die anderen Kinder feiern auch alle. Wie es sich gehört eben. Da kann man doch nicht zurückstehen. Nach Jahren juveniler Weihnachtsabstinenz – durchrocken in der Dorfscheunendisko, Urlaubsflucht in Richtung Mittelmeerinsel, Totalverweigerung mit Bier, Bett und Fernseher – muß es nun also wieder klassisch werden. Lametta an der Nordmanntanne, ein Weihnachtsmann mit Jutesack, liebevoll eingewickelte Pakete und womöglich sogar Glöckchen und Liedchen. Die Oma aus dem Sauerland ist auch eingeladen.

„Sag mal die Weihnachtsgeschichte“, ruft die Kollegin mir zwischen zwei Telefonaten zu. „Ich finde hier nur Günther den Treckerfahrer.“ Dabei zeigt auf ihren Bildschirm. Ratlos hebe ich die Schultern, auch googlen will gelernt sein. „Es trug sich aber zu“, schlage ich vor. Und weil die Kollegin schon wieder am Telefon hängt, gebe ich das schnell selber ein. Die Trefferliste ist vielversprechend. Wenn ich denn nach Grimmschen Märchen gesucht hätte. Die Weihnachtsgeschichte geht irgendwie anders. („Es begab sich aber zu der Zeit, …“ Für alle, die es wissen wollen.) Gut, daß die Kollegin mich offensichtlich nicht mehr gehört hat.

„Sag doch mal die Weihnachtsgeschichte“, fordert sie mich noch einmal auf, kaum daß sie das Telefonat beendet hat. Inzwischen habe ich „wiki weihnachtsgeschichte“ eingetippt und bin auf die Evangelisten gestoßen. Natürlich! „Steht in der Bibel“, erkläre ich. „Einer von den Evangelisten. Markus oder Lukas, keine Ahnung.“ Ich bin zwar ziemlich sicher, daß es eigentlich Lukas sein müßte. Und von Markus steht da ja sowieso nichts, nur von Matthäus. Aber der schreibt wohl ziemlich trocken über die Sache. („Die Geburt Jesu Christi geschah aber so: …“ Für die, es genau wissen wollen.) Überhaupt ist es bei ihm eine ganz andere Geschichte, soweit ich mich erinnere. Nix mit Volkszählung oder so. Den zitiert niemand, jedenfalls nicht an Weihnachten. Außerdem ich bin nicht die Weihnachtsgeschichtenbeauftragte der Agentur, ausgerechnet ich. Soll sich die Kollegin doch mal selber schlau machen.

„Die Bibel“, sagt die Kollegin, während sie schon die nächste Telefonnummer wählt. „Wo denn da? Altes oder neues Testament?“