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Krisskinder – eine Weihnachtsgeschichte II

05. Dezember 2006 - 20:06

::: Teil I :::

Für die Agentur argumentiere ich jedes Jahr aufs neue häufig mit dem Weihnachtsmann. Zwangsläufig, denn der scheint in dieser Gegend recht verbreitet zu sein. Autohäuser schieben zu Weihnachten ihre neueste Modelle in rot ganz nach vorn ins Fenster und kleben ihnen weiße Bärte an den Kühler. Baumärkte setzen ihren Aushilfskassiererinnen rotweiße Zipfelmützen aus 100% Polyester auf den Kopf. Und Radio Reinhardt, der sonst auf jede Anzeige wenigstens 20% Rabatt fordert, aus welchem Grund auch immer, bucht auf einmal Zusatzfarbe rot. Und über all dem schwebt ein großartiges Dingdong aus den Musikberieselungsanlagen dieser Welt, daß es eine wahre Wonne ist.

Aus eigener Erfahrung kenne ich ja nur den Nikolaus, und der kommt schon am 6. Dezember. Meistens hat er dann einen Knecht dabei, einen schwarzen, dreckigen Kerl, der nie ein Wort sagt. Aber eine Rute trägt er bei sich, dieser unheimliche Teufel. Keine Ahnung, ob er sie je benutzt, gesehen habe ich es nie. Doch er bringt auch die Geschenke, der Knecht. Nicht der Nikolaus, nein. Der Knecht trägt sie in seinem Jutesack. Und der Nikolaus nimmt sie ihm lediglich ab und reicht sie weiter. Kurz nachdem er seine Gardinenpredigt von Gut und Böse und wie sich das alles bessern kann gehalten hat. Nicht besonders beeindruckend eigentlich. Ich fand den schwarzen Kerl immer besser, schon als Kind. Der Knecht ist eine konkrete Erscheinung, da weiß man, woran man ist. Er ist grundehrlich, obwohl er nie etwas sagt. Vielleicht gerade deshalb. Der Nikolaus hingegen, mit seinem Gesäusel und Getue. Wie der sich zu den Kindern hinunterbeugt, so groß und gnädig. Der Knecht ist nicht gnädig, niemals. Weil er sowieso schon gebeugt ist, die ganze Zeit. So ist er eben, das ist seine Natur. Und so ist er mir nah. Teufel, noch mal.

Zu Weihnachten kommt dann kein Mann mehr, kein Teufel und kein Knecht. Auch kein Heiliger. Bei uns zumindest nicht. Zu Weihnachten kommt natürlich das Christkind. Seltsamerweise habe ich mir das immer eher weiblich vorgestellt. Undenkbar, daß dieses Kind nur ein paar Monate später, Karfreitag nämlich, als bärtiger, langhaariger Mann einen eigenartigen Opfertod sterben soll. Und dabei nach seinem Papa ruft, wo doch seine Mutter so viel näher ist. Aber egal, jetzt ist erstmal Weihnachten. Für mich ist das Christkind so etwas wie ein Neutrum. Es ist nicht rosa und nicht hellblau. Es ist unsichtbar. Und, wenn ich meiner Mutter in diesem einen Punkt einmal Glauben schenken darf, gibt es ihr am 24. Dezember gegen vier Uhr nachmittags, wenn es gerade dunkel geworden ist, die Geschenke für mich. Was irgendwie gemein ist, denn bei mir ist es nie gewesen, um mir die Geschenke für meine Mutter zu geben. Die habe ich immer selber besorgen müssen.

Nun bin ich ein Kind aus dem Ruhrgebiet, und da spricht man ein wenig eigenartig. Das Christkind wird also „Krisskind“ ausgesprochen. Ohne T und mit doppeltem S, wenigstens. Bei dem Wort „kriss“ wiederum handelt es sich um eine Flexion des Wortes „krien“. (Das N ist in dem Fall weit hinten im Mundraum zu plazieren, ähnlich wie in „Gong“, nicht jedoch wie in „Knall.) „Krien“ bedeutet soviel wie „kriegen“, im Sinne von erhalten, bekommen. Denkbar sind im Pott also so schöne Sätze wie: „Komm du mir na Hause, dann krissese.“ Was im vorliegenden Fall sehr konkret den Bezug einer sogenannten Tracht Prügel unmittelbar nach der Heimkehr andeutet und vorwiegend Kindern gegenüber geäußert wird.

„Krisskind“ ist aus dieser Warte betrachtet eine denkbar unglückliche Bezeichnung. So pflegte meine Mutter etwa regelmäßig festzustellen, „dat dat Krisskind Krisskind heißt, weil de von den wat kriss.“ Weitaus unangenehmer war die Variante: „No ein Woat, du, und Weihnachten kommt diesma dat Krissnixchen, hörsse?“ Natürlich wußte ich, daß das alles nicht stimmte, das hatte meine Mutter sich ausgedacht. Darüber hinaus war mir längst bekannt, daß die Weihnachtsgeschenke immer schon Wochen vorher ganz oben im Kleiderschrank meiner Eltern lagerten. Natürlich durfte ich das nicht verraten. Das Schlafzimmer, wo sich der Kleiderschrank befand, war ja für mich verboten. Also gab es an Weihnachten weiterhin Krisskindgebimmel mit Bescherung.

Überaus verwirrend waren in dem Zusammenhang allerdings die hilflosen Aufklärungsversuche meiner Mutter. Besonders, wenn sie um Weihnachten herum stattfanden. Die Aussage „Naher krisse n Kind, und wat dann?“ etwa, vermochte ich nicht recht zu deuten. Zwar war mir irgendwie klar, daß selbst meine Mutter mich unmöglich verdächtigen konnte, den neuen Heiland gebären zu müssen. Oder gar zu wollen. Aber wirklich sicher konnte man bei ihr nie sein. Und auch die Feststellung, „Die Maria hat ja gar nich mit den Josef, weisse? Dat war ohne dat, ganz von selbs. Dat is umbefleckt. Weisse ja.“, ließ mich vollends im Dunkeln. Denn natürlich wußte ich nicht, rein gar nichts. Damals. Diesen entscheidenden Teilbereich einer jeden Aufklärungskampagne, wie mir heute durchaus bekannt ist, hat meine Mutter mir gegenüber nicht einmal erwähnt. Und in der Bibel, insbesondere in der Weihnachtsgeschichte, kommt eben das, worauf es ankommt, wie meine Mutter sehr richtig erkannt hatte, einfach nicht vor.