Krisskinder – eine Weihnachtsgeschichte (III)
08. Dezember 2006 - 21:05Nur wenige Tage noch, dann ist der Spuk vorbei. In der Agentur liegen wir bereits in den letzten Zügen. Das ist immer so, schließlich arbeiten wir für die jeweils kommende Woche. Derzeit stehen artige Danksagungen an die treue Kundschaft und beste Grüße und Wünsche an solche, die es vielleicht werden könnten, an. „Wir wünschen allen unseren Kurden ein fröhliches Weihnachtsfets uns ein erfolgreiches neues Jahr.“ habe ich gestern tatsächlich hingetippt. Zum Glück habe ich die Fehler im letzten Moment, gerade bevor das Ding endgültig in den Druck ging, noch selbst entdeckt. Ich habe langsam wirklich keine Lust mehr auf Weihnachten. Was ich hier mache, ist keine Dichtung, das ist nicht einmal Werbetexten. Das ist Fließbandarbeit. Und kurz bevor überall die heimischen Kerzen angezündet werden, machen wir dann schnell noch die Silvesterknallerei klar. Inklusive Stimmungswechsel. Plötzlich klingen keine Glöckchen mehr, für uns ist unvermittelt Pyrotechnik angesagt. Der Markt für Raketen, Böller und Goldregen ist groß. Aber die Zeit ist knapp. Das muß sitzen, auf den Punkt. Und, oh Himmel, danach erst ist wirklich Weihnacht.
Die Kollegin ist mittlerweile gut aufgestellt, was die Ausrichtung ihres ersten persönlichen Familienweihnachtsfestes angeht. Der Baum liegt bereits im Garten bereit, das Essen ist, nach mehrfachen Umplanungen, so gut wie auf dem Tisch und der Sohn, für den das alles inszeniert wird, ist in punkto Weihnachten gut gebrieft. Er singt Bimbambim, in einem fort, und wartet auf Schnee. Obwohl das Thermometer seit über einer Woche mehr als 10° plus zeigt. Vor allem aber freut er sich auf die Geschenke, was ihm nicht zu verdenken ist. So kriegt man sie, die Kinder. Man schmiert ihnen was ums Maul oder verspricht es ihnen zumindest. Die Weihnachtsgeschichte hingegen bleibt dem Jungen wohl einstweilen erspart. „Das ist wirklich nicht das wichtigste“, fand die Kollegin. „Das ist viel zu kompliziert.“
Das finde ich auch. Wozu die alten Geschichten? Hauptsache, es ist alles wie immer. So, wie man es kennt. Dann ist es gut. Bei mir war das früher immer so: Pünktlich am 24. Dezember, so zwischen vier und fünf Uhr nachmittags, schenkte ich zunächst, dann ich ließ mich beschenken, und anschließend freute ich mich, so gut ich es eben konnte. Ich bin allerdings nicht besonders talentiert, was das Freuen angeht. Das ist ein schweres Manko. Damit hat man keine guten Karten im Leben, schon gar nicht an Weihnachten. Das ist ein großes Pech.


