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Krisskinder – eine Weihnachtsgeschichte (IV)

10. Dezember 2006 - 23:38

::: Teil I ::: Teil II ::: Teil III :::

Erst schenken, dann beschenkt werden und abschließend freuen. Diese weihnachtliche Dreieinigkeit lief noch dazu exakt dreimal hintereinander ab, damals, alles am selben Abend. Der 24. Dezember. Schenken, beschenkt werden, freuen, immer wieder von vorn, in eben dieser Reihenfolge. Zuerst zu Hause, dann bei der einen Oma und zum Schluß noch bei der anderen Oma. Man glaubt gar nicht, wie schwer das sein kann, insbesondere das Freuen. Zum Glück gab es bei der einen Oma, zwischen dem ersten Teil, dem Schenken, und dem Rest des familiären Rituals, Kartoffelsalat mit Bockwürstchen und Senf. Ohne nicht wenigstens zwischendurch etwas zu essen zu bekommen, was kein Marzipanbrot, keine olle Mandarine und auch kein Zimtstern war, lies sich dieses Mammutprogramm unmöglich bewältigen. Nach den Würstchen folgte dann aber ganz lange gar nichts. Nur herumsitzen bei der Oma am Tisch, fernsehen vielleicht und ansonsten abwarten. Dem Geschwätz der Erwachsenen lauschen, diese Geschichten über Krankheit, Tod und andere Gemeinheiten. Immer die gleichen Geschichten, wie mir schien. Über Menschen, die ich nicht einmal kannte. Mitunter gab es auch einen Anflug von Streit. Aber meistens nur ganz leicht, schließlich war Weihnachten. Ich erinnere mich allerdings dunkel, wie mein Onkel einmal fertig angezogen in dem kleinen Flur der Oma auf- und abging, wutschnaubend. Ungeduldig wartete er auf seine Frau. Meine Tante jedoch vermochte diesem Ausbruch offensichtlich keinen rechten Glauben zu schenken. Dementsprechend zeigte sie zunächst wenig Aufbruchswillen. Da nahm mein Onkel nach einer Weile geistesgegenwärtig einen Zollstock zur Hand und begann, den Flur sorgfältig zu vermessen. Fertig angezogen und immer noch wütend. Ob das aber an Weihnachten war, weiß ich heute nicht mehr. (Wenig später soll er den Flur tatsächlich tapeziert habe. Vielleicht zu Ostern, keine Ahnung.)

Egal. Kurz vor unserem Aufbruch zu der zweiten Oma, rückte die erste Oma endlich mit den Geschenken heraus. Wenn wir schon dastanden, in Straßenschuhen, Hut, Mantel und Mütze. Es war immer dasselbe. Lediglich Kinder unter acht durften ihre Geschenke noch vor dem Essen auspacken. Vielleicht, weil sie immer Spielzeug geschenkt bekamen, und daher absehbar war, daß sie anschließend eine ganze Weile damit beschäftigt sein würden. So gab es kein unnötiges Gequängel und Gezeter. So würden sie nicht weiter stören, die Kleinen. Über acht aber gab es kein Pardon, nicht für meine Oma. Weder damals bei ihren Kindern, noch heute bei den Enkeln, und schon gar nicht bei den Angeheirateten. Alle mußten sie die Geschenke mit nach Hause nehmen und durften sie dort erst öffnen. Vorgegeben war dafür der nächste Tag. Ich glaube zwar kaum, daß sich irgendwer daran gehalten hat. Ich zumindest habe es nicht getan. Und auch nicht meine Mutter, da bin ich sicher. Natürlich wußten wir die ganze Zeit genau, wo sie sich befanden, die Freßtüten und sorgfältig eingewickelten Päckchen und Pakete. Im Schlafzimmer, wo wir die Jacken und Mäntel abgelegt hatten, gleich nach unserer Ankunft. Dort standen sie auf der Fensterbank, sodaß man sie schon von draußen sehen konnte. Wir taten jedoch seit jeher so, als sähen wir sie nicht. Bis die Oma sie uns gnädig aushändigte.

Ein bißchen kam mir das immer schon vor wie eine übel inszenierte Erpressung. Heute bin ich mir da sicher, heute habe ich Vergleichswerte. Das Ganze war wirklich sehr schlecht arragiert. Lediglich durch die ständige Wiederholung gewann das Spiel mit den Jahren auch ein wenig an Reiz. Die kleinen Varianten, die der eine oder die andere einpflegte. Der Onkel mit dem Zollstock zum Beispiel. Oder mein kleiner Bruder, der irgendwann vorgab, Vegetarier zu sein. Er verweigerte die Würstchen und verspeiste folgerichtig Kartoffelsalat mit Senf. Vielleicht dachte die Oma, daß wir nicht bleiben würden, nur wegen der Verpflegung. Daß wir die Geschenke einsacken und sie zurücklassen würden mit ihren dürftig geschmückten Fichtenzweigen, den echten Kerzen und den Likörchen. Ich weiß es nicht. Vor allem war es unter den gegebenen Umständen natürlich nahezu unmöglich, den letzten Punkt der heiligen Weihnachtsabfolge zu erfüllen. Sich freuen, obwohl man das Geschenk noch gar nicht ausgepackt hat. Mir fiel das immer ganz besonders schwer. Um nicht zu sagen, ich war dazu einfach nicht in der Lage. Keine Ahnung, wie die anderen das hingekriegt haben. Ich bekam manchmal sogar einen Rüffel, vor versammelter Familie. Oder die Oma nahm wortlos einen von meinen Äpfeln aus meiner Tüte und steckte ihn meinem strahlenden Bruder zu. Ich mag keine Äpfel. Die mußte ich sowieso immer irgendwie entsorgen, von daher war es mir egal. Zumindest der verlorene Apfel selbst.

Danach war ich meistens fertig mit Weihnachten. Viel zu müde, um noch irgend etwas mitzukriegen. Oder gar hinzukriegen. Der Besuch bei der anderen Oma gestaltete sich dementsprechend kurz. Und von Jahr zu Jahr wurde er immer kürzer und kürzer. Vor allem weil meine Mutter kaum noch gewillt war, sich mit ihrer Schwiegermutter abzugeben. Unschöne Geschichte. Wenn ich mich recht erinnere, ist sie in den letzten Jahren überhaupt nicht mehr mitgekommen. Vielleicht besser so, ich kann das beurteilen. Doch der dritte und letzte Weihnachtstermin verkam immer mehr. Ich selbst bin auch kaum noch mitgefahren, wenn ich ehrlich bin. Und auch sonst niemand, nur mein Vater. An Weihnachten ist er, immer spät in der Nacht, allein zu seiner Mutter gefahren. Wenn alle anderen Termine erfolgreich absolviert waren.

Vielleicht war da ja dann Ruhe. Kein schenken, beschenkt werden, freuen. Weihnachten in einer Tour. Komisch, ich hab ihn nie gefragt.