Krisskinder – eine Weihnachtsgeschichte (V)
14. Dezember 2006 - 16:58::: Teil I ::: Teil II ::: Teil III ::: Teil IV :::
Kinder nehmen ihre liebsten Weihnachtsgeschenke abends mit ins Bett. Alle Kinder tun das, das weiß ich genau. Es ist eine ganz besondere Art, sich zu freuen. Die Dinge zu lieben, eins zu werden mit ihnen. Es ist die beste Art der Freude, die tiefste, ehrlichste überhaupt. Ich gebe zu, auch ich habe das getan, damals, als Kind. Ich habe Geschenke vor Freude mit ins Bett genommen, immer wenigstens eins. Die gelben Schwimmflossen, zum Beispiel, und die Taucherbrille. Da war ich ungefähr 12 und in meine Biologielehrerin verliebt, die im Unterricht von ihren Tauchurlauben erzählte. Ich selbst konnte und wollte überhaupt nicht tauchen. Ich wollte nur Flossen haben und eine Brille, wie meine Lehrerin. Und am Abend wollte ich diese Sachen in meiner Nähe haben. Weil sie so schön waren.
An den Weihnachtstagen herrschte üblicherweise eine Mischung aus Langeweile und Streß, aus der es kein Entkommen gab. Alle hockten zu Hause, wie immer. Mein kleiner Bruder hatte seine drei neuen Bücher schon am Heiligen Abend ausgelesen, und ich übte mit meinen neuen Flossen das Vorwärtsgehen. Dabei warf ich einmal fast den Baum um, der tagsüber richtig traurig aussah. Obwohl die Kerzen angedreht waren, die ganze Zeit. Zum Glück hat es niemand gesehen. Mein Vater saß da und tat nichts, wenn ihm nichts aufgetragen wurde. Er sah müde aus. Nicht so, als hätte er ein paar Tage frei. Meine Mutter ertrug das alles am schlechtesten. Sie war überforderten mit zwei Tage Festbraten, obwohl niemand von uns auf weihnachtlichem Sauerbraten bestand. Mein Bruder sowieso nicht, der kriegte seine Schweineschnitzel, wie jeden Sonntag. Ich akzeptierte das eigenartige, blasse Fleisch, kleckerte aber die weiße Tischdecke mit Bratensoße voll. Jedes Jahr, so sehr ich mich auch bemühte, es nicht zu tun. Weihnachten ist ein Experiment, das nicht gelingen kann. Spätestens bei Tisch, beim Sauerbraten, wußten wir Bescheid. Wir alle. Wir sahen uns nicht an. Wir versuchten, nicht daran zu denken, aber es half nichts. Auch nicht, daß ich unter dem Tisch mit den neuen, gelben Füßen paddelte.
Am 27. Dezember warf meine Mutter meinem Vater seine Geschenke vor die Füße. Oder an den Kopf, ich weiß es nicht genau. Ich habe es nicht gesehen, nur gehört. So wie ich alles immer nur gehört, nie aber gesehen habe. Oder waren es ihre Geschenke? Ich meine das, was er ihr geschenkt hatte. Schmuck, Parfum, Schaumbad. Was Männer eben so schenken, wenn sie sich nicht sicher sind. Diese Sachen meine ich. Sie gab sie ihm wieder, heulte und schrie dabei, als wäre der dritte Weltkrieg ausgebrochen. Vielleicht hatte sie etwas anderes gewünscht, ich begriff es nie. Mein Vater nahm die Sachen in aller Ruhe an sich, so wie es seine Art war. Immer. Schweigend. Ich glaube, er tauschte sie um. Oder er gab sie meiner Mutter zurück, als sie sich ein paar Tagen später wieder beruhigt hatte. Da war Weihnachten aber schon vorbei. Geschenke sind die Leinen, an denen man noch zerren kann, wenn alle Stricke längst gerissen sind.
Die gelben Flossen mußte ich meiner Mutter kurz vor Silvester wiedergeben. Mir wurden die gemachten Geschenke nicht vorgehalten, so wir ihm, sondern die erhaltenen wieder abgenommen. Normalerweise. Irgendeinen Grund gab es immer, daß ich sie auf keinen Fall verdient hatte. Ich habe vergessen, welche das jeweils gewesen sein könnten. Es ist zu lange her. Vielleicht waren die Sachen auch einfach nur lästig, standen im Weg herum oder waren zu laut. „Ich bin doch nich blöd“, sagte meine Mutter auf jeden Fall. „Du denks wohl, ich bin blöd.“ Und schwupps, waren sie verschwunden, meine wunderbaren Schwimmflossen, die ich inzwischen in der Badewanne eingeweiht hatte. Zusammen mit der Taucherbrille, die ich seltsamerweise behalten durfte. Danach wurde mir eine Weile der Kaufpreis angedeutet, vermutlich damit ich ihn mit meinem eigenen Wert in Relation bringen konnte. Außerdem sollte ich eine Begründung finden, warum ich das Zeug überhaupt hatte haben wollen. Es fiel mir oft sehr schwer, das Preis-Leistung-Verhältnis meiner Weihnachtsgeschenke zu rechtfertigen, das gebe ich zu. Ganz besonders bei den Flossen, damals.



14. Januar 2007 - 19:09
Hauptsache, Sie haben sich auch ohne die Flossen irgendwann freigeschwommen.
14. Januar 2007 - 22:21
wenns weiter nichts ist. ;-)