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Camouflage (I)

09. Februar 2007 - 22:49

Sie spielen Vater Mutter Kind. Meistens im Sommer. Decken sind auf der Wiese ausgebreitet. Stellen die Wohnungen dar. Bunte Flecken im Grün. Das Spiel ist einfach. Man legt sich schlafen. Steht wieder auf. Der Vater verläßt die Wohnung. Essen wird gekocht. Kinder versorgt. Ab und zu gehen die Mütter einkaufen. Bis an den nächsten Hauseingang. Der ist das Geschäft. Die Decken bleiben dann verlassen. Für eine Weile. Aber nicht lange. Die Jungs spielen die Väter. Viel haben sie nicht zu tun. Sie kommen nach Hause, um sich auf der Decke auszustrecken. Nach einer Weile stehen sie wieder auf. Beeilen sich, den Ort der Handlung zu verlassen. Sie warten dann abseits und spielen Karten. Autoquartett. Oder kritzeln mit geeigneten Steinen großflächig auf den Fußwegen rum. Die jüngeren Geschwister, die, auf die die Mädchen aufpassen müssen, jeden Tag, zwei Stunden lang, sind die Kinder. Sie haben den angenehmsten Part. Dürfen jammern und quengeln. Dürfen wieder Babys sein. Auch wenn sie schon größer sind. Dürfen sich tragen und ziehen lassen. Dürfen allen auf die Nerven gehen. Besonders den Mädchen. Die haben viel zu tun. Sie sind die Mutter. Sie sind es, die alles erledigen. Die ganze Arbeit machen. Jeden Morgen die Familie ausgiebig wachrütteln. Den Mann zur Arbeit schieben. Zur Tür raus. Von der Decke runter. Dann die Kinder waschen und wickeln und füttern. Die verhaßten kleinen Geschwister. Schließlich putzen und fegen und wischen. Für Ordnung sorgen. Und in imaginären Kochtöpfen rühren. Gras und Gänseblümchen ausrupfen, auf improvisierten Tellern hübsch dekorieren und den Kleinen ins brüllende Maul zu schieben versuchen. Die Mädchen fallen immer wieder aus der Rolle. Während sie die Kinder zum Spielen wegschicken, um endlich die Wohnung von den ausgerupften Grasbüscheln reinigen zu können, rufen sie den Jungs zu, sie sollten nicht falsch spielen. Sie sollten wenigstens so tun, als wären sie auf der Arbeit. Die kümmern sich aber nicht um die Mädchen. Sie behaupten entweder, sie wären doch bei der Arbeit. Das würde man schließlich deutlich sehen. Und kritzeln weiter auf dem Boden rum. Teilen heimlich die Karten neu aus. Oder sie stellen logisch schlüssig fest, daß die Mädchen von der Wohnung aus ja gar nicht bis zur Arbeitsstelle sehen könnten. Jedenfalls nicht ohne den Superman Röntgenblick. Und den hätte schließlich keine von ihnen. Am Ende geben die Mädchen auf. Immer wieder. Sie schütteln wütend die Decken aus, holen die Kinder zurück und warten. Irgendwann erklären sie dann einfach die Arbeitszeit für beendet und rufen die Jungs nach Hause. Zur nächsten Nacht. Manchmal kommen die sogar. Aber oft haben sie das Spiel längst vergessen. Während die Mädchen noch ganz darin vertieft sind. In ihre Aufgabe. Die Jungs fangen an zu kicken. Zuerst mit einem Stein. Dann kommt sicher einer vorbei, der noch keine Vaterrolle übernommen hat. Und der trägt ganz bestimmt einen Fußball unter dem Arm. Das eine Spiel wird leicht durch das andere ersetzt. Zumal es unehrenhaft ist, sich von Mädchen rumkommandieren zu lassen. Und langweilig. Aber hinter dem Ball herjagen. Lautstark und verbotenerweise auf dem Rasen. Auf den der Hausmeister so stolz ist, daß er immer neue Verbotsschilder hinstellt, deren Einhaltung er dann kontrollieren kann. Und die Leute in der Siedlung, in den Häusern rund um die Rasenflächen auch. Wozu gibt es den Aschenplatz. Eingezäunt auf der anderen Seite der großen Straße. Da, wo die Kleinen noch nicht hindürfen. Auch mit ihren großen Schwestern nicht. Viel zu gefährlich. Weil es noch keine Ampel gibt. Jahrelang schon nicht. Irgendwann ziehen die Jungs ab. Wenn genug Fenster aufgerissen wurden und unverständliches, wütendes Schreien zu hören war. Sich oft genug jemand lauthals über den Lärm aufgeregt und mit dem Hausmeister gedroht hat. Oder damit, ihnen den Ball wegzunehmen. Dann machen die Jungs sich auf den Weg. Die Mädchen gehen nicht mit. Die Mütter. Die zwei Stunden sind noch nicht um. Sie haben ihre jüngeren Geschwister am Hals und können nicht weg. Dürfen nicht. Sie bleiben auf ihren Decken sitzen. Suchen vierblättrige Kleeblätter. Oder sie sammeln Marienkäfer von den Büschen und stecken sie in Streichholzschachteln. Die roten Käfer mit den schwarzen Punkten sind die Normalen. Die schwarzen mit den roten Punkten sind selten und werden hoch gehandelt. Die Mädchen rechnen und tauschen. Sie zählen ihre Gefangenen und ordnen sie nach Größe. Und nach der Anzahl der Punkte auf ihren Rücken. Den einen oder anderen Käfer erwischt es in diesem Spiel. Manch einer wird bei einem schnell erkrabbelten Fluchtversuch zerquetscht. Das passiert eben. Auch beim noch so vorsichtigen Öffnen und Schließen der Schachteln. Oder er wird durchbohrt. Beim vorsorglichen Durchstechen der engen Käfige, damit die Tiere auch Luft bekommen. Größere und durchsichtige Kisten aus Plastik werden immer beliebter. Sie vereinfachen den Handel. Müssen nicht so oft geöffnet werden. Lassen sich allerdings auch nicht so gut durchstechen. Von Weitem hören die Mädchen die Stimmen der Jungs. Und wie der Ball gegen die Umzäunung des Aschenplatzes klatscht. Das Gitter scheppert. Die Mädchen kümmern sich nicht darum.



  1. SuMuze:

    einsteigen und wegfahren – bei jedem lesen wieder! schön.

  2. engl:

    einsteigen und wegfahren? das versteh ich jetzt grad nicht. aber schön finde ich schön.

  3. SuMuze:

    in den text einsteigen und mit ihm wegfahren

  4. engl:

    ahhh… dann wünsche ich allzeit gute fahrt. (speziell von diesem text kommen ja noch ein paar teile.)

  5. over the bones « Turmsegler:

    [...] Harmlos beginnt Susanne Englmayers Geschichte “Camouflage”, um unvermittelt und drastisch die Perspektive zu wechseln vom Idylle konservierenden Spiel hin zum realen Kriegsgeschehen eines Familienlebens, das im Spiel auf der Sommerwiese nicht vorkommt. [...]