Camouflage (V)
18. Februar 2007 - 01:39Mit dem neuen Schlüssel ist alles leichter geworden. Niemand hört mich, wenn ich es klug anstelle. Die Haustür läßt sich zum Glück leise öffnen. Wenn ich sie nicht ins Schloß fallen lasse, bemerkt niemand mein Eindringen ins fremde Terrain. Ich schließe sie vorsichtig mit der Hand. Licht im Treppenhaus brauche ich nicht. Es sind nur sechs Stufen. Ich taste mich links an der Wand entlang. Am schwersten ist es, die Wohnungstür lautlos zu öffnen. Der Schlüssel ist gerade erst für mich hergestellt worden. Er ist zu neu. Paßt hier noch nicht sehr gut. Ausgerechnet hier. Als wäre es Absicht. Ich muß vorsichtig sein. Ganz langsam arbeiten. Dabei die Tür etwas anheben und an mich heranziehen. Der gefährlichste Moment. Jeden Abend. Ich muß aufrecht stehen. Direkt in der Feuerlinie. Außerdem gibt es jedesmal ein leises, klackendes Geräusch, wenn sich die Tür endgültig öffnet. Das ist der Moment größter Angst. Größer noch, als oben auf der Umzäunung des Aschenplatzes zu sitzen und auf die andere Seite rüberzusteigen. Danach halte ich die Tür zuerst nur einen kleinen Spalt breit geöffnet. Zwei, drei Zentimeter vielleicht. Und gehe hinter der Mauer in Deckung. Warte zwanzig Sekunden. Beobachte dabei die Wohnung. Das Licht innen. Wenn die Dielenbeleuchtung angeht, habe ich verloren, bin entdeckt und trete die Flucht nach vorn an. Die Hände in den Nacken und laufen. Ins Kinderzimmer. Unters Bett. In meinen Unterstand. Eben das alte Spiel. Meistens aber geht das Licht nicht an. Niemand bemerkt mich. Also hocke ich mich hin und stoße die Tür vorsichtig ganz auf. Dann lege ich mich auf den Bauch und robbe ins feindliche Gebiet. Das ist nicht schwer. Auch im Dunkeln nicht. Ich kenne mich aus. Die nächste Aktion ist es, die Wohnungstür zu schließen. Schwierig. Ich mache es mit dem rechten Fuß. Das klingt gewagt, aber es funktioniert. Manchmal drücke ich sie sogar mit dem Fuß ins Schloß. Wenn ich Stimmen höre. Laut genug. Oder den Fernseher. Wenn nicht, muß ich mich aufrichten, um die Klinke zu betätigen. Das klappt aber hervorragend. Ich habe dabei gute Deckung hinter dem Schuhschrank und kann notfalls von da aus direkt ins Bad flüchten. Der einzige Raum, den Man abschließen kann. Bombensicher. Aber das ist selten nötig. Ich bin geschickt geworden mit der Zeit. Den Weg durch die Diele lege ich wieder auf dem Bauch robbend zurück. Das Gebiet wird immer schwieriger. Es ist stark vermint. Stacheldraht ist auch gespannt. Zwischen Küche, Wohn und Schlafzimmer. Eigentlich nicht wegen mir. Mehr wegen meinem Vater. Und meiner Mutter. Es ist ihr Todesstreifen. Ihr Hochsicherheitstrakt. Aber ich muß nun mal da durch. Tagsüber ist das nicht schwer. Es ist kein Problem, über den Stacheldraht zu steigen. Ich bin gut im Klettern. Außerdem schießt am Tag niemand. Es ist ja keiner da. Aber abends wird es zusehends gefährlicher. Besonders, weil ich noch immer wachse. Ich glaube, ich kann bald nicht mehr unter dem Draht herkriechen. So niedrig ist er inzwischen. Auch für mich. Aber noch ist es machbar. Wenn nichts dazwischen kommt, schaffe ich es in kürzester Zeit in meinen Unterstand. Da bin ich dann sicher. Noch deckt mein Bruder mich. Auch wenn er nicht auf meiner Seite steht. Aber er verrät mich nicht, wenn ich behaupte, schon seit Stunden zu Hause zu sein. Dafür sage ich auch niemandem, daß er immer noch ins Bett macht. Ab und zu. So läßt es sich leben.



19. Februar 2007 - 20:30
Gut, es geht weiter! Ich befrüchtete schon dir wäre die Puste ausgegangen.
14. März 2007 - 00:06
[...] ••• Was ist schon das Schlachtfeld der Liebe gegen das Schlachtfeld der Kindheit? [...]