Canadisches Holz (III)
21. Mai 2007 - 18:45Jetzt erst beginnt die eigentliche Geschichte. Ein Sommer, lange vor der Ehe des Mannes. Seine spätere Frau kennt er noch nicht einmal. Sie wird keine aus seinen Freundeskreisen sein. Kein Teil dieser Geschichte. Und eben doch.
Der Mann legt keinen Wert auf eine Wohnung. Lebt lange bei seinen Eltern. Er legt auch nicht viel Wert auf Kleidung. Trotzdem sucht er sich die Sachen, die er kauft, bewußt aus. Und mit Freude. Trägt sie lange. Liebt sie eben. Wohnt in ihnen. Bis es gar nicht mehr geht. Man sieht das. Mitunter. Grundsätzlich besitzt er lieber Dinge als Geld. Verabschiedet sich schwer von Kleinigkeiten. An vermeintliche Nichtigkeiten aus seinem Besitz kann er sein Herz hängen. Es ist ihm lieber, wenn die Dinge einfach verschwinden. Von sich aus. Ohne daß er darüber entscheiden muß.
Der einzige, kostbare Besitz in der Zeit, in diesem Sommer, ist ein Motorrad. Das pflegt der Mann gewissenhaft, um es sich zu erhalten, als ein Ding, daß ihm sein Leben lang etwas wie Freiheit bedeuten wird. Auch als er es längst nicht mehr benutzen kann. Schon sein drittes oder viertes Familienauto gekauft hat. Er behält die Maschine in seinem Leben. Als ein Stück Ungebundenheit. Zum Schluß irgendwo in einem Schuppen. Heimlich. Versteckt. Aber unvergessen.
In diesem einen Sommer, in der Zeit damals, als die Maschine noch einwandfrei läuft, versucht er mit eben diesem Motorrad, eine Frau zu beeindrucken. Heute würde man das flirten nennen. Und er scheint keinen schlechten Erfolg zu haben. Auf jeden Fall sehen sie sich. Ein paar Mal. Öfter als einmal. Und nicht zufällig. Sie fährt gerne mit dem Mann. Zieht sich Hosen an und eine Windjacke. Setzt seine Lederkappe auf. Das gefällt ihm. Die Frau kommt mit an den See, wo der Mann als Rettungsschwimmer Wache halten muß. Ein Wochenende lang. Vielleicht auch nur einen Samstag. Oder einen Sonntag.
An dieser Stelle sind meine Informationen ungenau. Aber auf solchen Details liegt kein Gewicht. Nicht in dieser Geschichte.
Deutlicher ist, daß der Mann nach diesen anscheinend eindeutigen Sommertagen nicht weiterweiß. Seine Liebe ist eine Liebe aus der Ferne. Und wird es bleiben. Er traut sich nicht vorwärts. Hat keine Erfahrung. Er weiß nicht, was er tun soll. Und es ist noch eine Zeit, in der es an ihm ist, überhaupt etwas zu tun. Als Mann. Wenn das Ganze doch noch etwas werden soll. An dieser Stelle kann ich versuchen, die Geschichte zu drehen und zu wenden, wie ich will. Es bleibt wie es ist. Es vergehen Monate, in denen er sich nicht bei der Frau meldet. Obwohl er täglich an sie denkt. Er kennt ihre Adresse. Weiß genau, wo sie wohnt. Hat sich ihre Telefonnummer gemerkt. Es hilft nichts.



21. Mai 2007 - 19:45
Deine Geschichte liest sich sehr spannend. Ich kenne solche Menschen mit dieser so eindrucksvoll geschilderten Zurückhaltung. Und hier lässt du die Dinge auch so wunderbar sprechen.
LG
Biggy
21. Mai 2007 - 21:59
Letzter Absatz:
“An dieser Stelle kann ich verzechen, die Geschichte zu drehen und zu wenden, wie ich will.”
verzechen?
21. Mai 2007 - 22:28
erledigt!